Halbblut - Black Raven Kapitel 1






Halbblut





Black–Raven






von Bea Stache

 

 

 

 

                         1. Kapitel




Silver Springs 1871


Abbygail Warren saß wie betäubt an dem, immer noch zum Mittag gedeckten Tisch.

Das Essen stand nun schon seit Stunden verbrannt und vollkommen unbeachtet auf dem ansonsten so blitzsauberen kleinen Kohleherd und auch die Haustüre stand noch genauso sperrangelweit offen, wie am Mittag, als sie hineingegangen war.

Der Tag war längst der Nacht gewichen, doch noch immer konnte Abbygail nicht begreifen, was da geschehen war.

Toby war tot.

Ihr großer Bruder und letzter Verwandter auf dieser Welt, Tobias James Warren, lebte nicht mehr.

Abbygail weinte nicht, klagte nicht und hatte auch nicht vor jetzt noch damit anzufangen.

Sie hatte es einfach kommen sehen. Schon so lange Zeit.

Tobias war ein Herumtreiber gewesen, ein Trunkenbold, der die hart verdienten Pennys, die sich Abbygail durch Putz- und Erntearbeiten verdiente, jeden Abend im Saloon für Whiskey und Weiber durchbrachte.

Durch sein gutes Aussehen und seinen Charme, den er versprühte - falls er denn einmal nüchtern genug dazu war - hatte er es immer wieder geschafft sich aus den unangenehmsten Situationen zu retten.

Drei Mal hatte er in den letzten beiden Jahren wegen Betrugs einige Wochen im Gefängnis gesessen und dreimal hatte er hernach Abbygail dafür die Schuld

gegeben, sie beschimpft und geschlagen.

Herrgott, jetzt ist es endlich vorbei, dachte sie bei sich und rieb sich verstohlen über die juckende Nase.

Sie hatte ihm den Haushalt geführt, seit sie ungefähr acht gewesen war, da ihre Eltern schon in ihrer frühen Kindheit durch ein Fieber ums Leben gekommen waren.

Tobias war damals gerade sechzehn gewesen und hatte hart schuften müssen, um sie beide irgendwie durchzubringen.

Doch das hatten andere auch gemusst und waren nicht so widerlich und gemein geworden wie ihr Bruder.

Mit den kommenden Jahren hatte er dann angefangen Abbygail immer öfter anzubrüllen und zu peinigen.

Eines Tages schließlich, Abbygail war gerade zwölf Jahre alt geworden, meinte er, nun sei sie drann und müsse von nun an ihn versorgen.

Doch wie hätte sie das tun können, wenn er ihr das wenige, das sie verdiente, wegnahm und für Vergnüglichkeiten in der Stadt verschwendete?

Kam dann zu Hause kein Essen auf den Tisch, wurde Abbygail ausgeschimpft und hart bestraft. Hatte sie wiederum kein Geld übrig, um es ihm für seine Spielschulden zu geben, weil sie Essen auf den Tisch brachte, wurde sie ebenfalls bestraft.

Ihr noch junges Leben hatte in den letzten Jahren nur aus Strafen, harter Arbeit und immer größerem Hunger bestanden.

Abbygail schauderte leicht, als der kühle Nachtwind herein blies, konnte sich aber immer noch nicht dazu aufraffen hinzugehen und die Türe zu schließen.

Es wäre für sie nur ein Eingeständnis gewesen. Ein Eingeständnis, dass sie Angst vor der Zukunft, vor dem Ungewissen, vor dem Alleinsein in einer oft solch frauenfeindlichen Welt hatte. Doch Gott hatte sie geschont. Gott hatte sie das alles überleben lassen... wozu eigentlich?

Der Mond stand schon sehr hoch am Himmel und tauchte das schäbige Hausinnere in silbernes Licht.

Fast als wollte der Mond mich über all dies hinwegtrös-ten, dachte Abby bei sich und verlor sich einen Augenblick lang in diesem märchenhaften, von allen Problemen ablenkenden Zauber.

In so manchen Nächten wie dieser, wenn sie völlig verzweifelt gewesen war, war Abbygail einfach aufgestanden und draußen über die schon lange Zeit brach liegenden Felder gewandert. Sie hatte sich dann ein anderes Leben vorgestellt, ...ein schöneres.

Einen guten Mann, der nicht sein ganzes Geld vertrank oder herumhurte. Eigene Kinder, ein kleines Haus, ...vielleicht sogar mit einem hübschen, weiß getünchten Zaun darum herum und ein paar winzig kleine Rosenbeete, wie die Vornehmen und Reichen sie im Überfluß hatten.

So wie auch die Brightons, ihre Nachbarn, bei denen sie gelegentlich Arbeit fand.

Es mussten eigentlich noch nicht einmal Rosen sein, nein. Sie wollte eigentlich nur ein paar hübsche Blumen, die sich leicht pflegen ließen.

Viele verschiedene Gemüsesorten würden in ihrem Garten wachsen. Sie würde Bohnen und Erbsen ziehen, Möhren, Kartoffeln und vielleicht sogar Hirse...

Sie würde endlich jemanden haben, der sie schätzte. Einen guten Mann.

Und wenn es vielleicht auch nur wegen ihrer Sparsamkeit, Reinlichkeit und eifrigem Fleiß sein würde, dass sie geschätzt würde, denn sie war ja beileibe keine Schönheit.

Toby hatte ihr das immer wieder vorgeworfen.

Viel zu grobknochig, hatte er gesagt. Wie ein Esel, oder ein starkes Arbeitspferd. Dazu kamen diese schmutzigbraunen oft strähnigen Haare und die ausdruckslosen, trüben Augen, die kaum blau zu nennen waren, eher Waschwasserfarben. Toby meinte immer, sie sollte sich besser versteckt halten, weil sonst die Männer nur alle reißaus nehmen würden.

Doch so hässlich fand sie sich selbst eigentlich gar nicht. Gewiss, es war schrecklich eitel so zu denken, doch Mrs. Brighton hatte ebenfalls gemeint, mit ein wenig Seife und Wasser, sowie einem hübschen Kleid, ließe sich bestimmt noch etwas aus ihr machen.

Abbygail seufzte innerlich leise auf.

Tobias hatte ihr nun auch noch im Tode jedwede Chance genommen, hier in der Gegend einen geschätzten und geachteten Mann zu bekommen.

Er hatte bei seinem letzten Spiel die Farm als Einsatz verwettet und sie verloren. Danach hatte er sich sinnlos betrunken und mit irgendeinem dahergelaufenen Cowboy Streit angefangen. Schließlich war dieser dann zu einer wilden Prügelei ausgeartet, bei der sich aus irgendeiner Waffe, die irrsinnigerweise gezogen worden war, ein Schuss gelöst hatte. Tobias wurde in den Kopf getroffen und war sofort tot.

Abbygail erschauerte erneut, zutiefst angeekelt von dieser Vorstellung. Das Bild ging ihr nun gar nicht mehr aus dem Kopf heraus.

Welch ein passendes Ende für diesen Halunken, diesen Heuchler und Trinker.

Doch er war ihr Bruder gewesen.

Und einen Bruder musste man lieben, egal ob man es nun wollte oder nicht. Alles Andere war eine Sünde und würde gewiss von Gott scharf verurteilt werden.

Sie atmete also tief durch und zwang sich zur Ruhe, setzte zu einem Gebet an, obwohl sie am liebsten einfach losgeschimpft und gezetert hätte, geschrieen, gestampft und Sachen durch die Gegend geworfen.
Nun ...es waren jetzt aber nicht mehr ihre Sachen. Sie gehörten einem anderen. Alles war verloren... verloren in einem sinnlosen Spiel unter Männern.
Sie unterbrach das Gebet wieder und schaute sich leise aufschluchzend in dem spärlich möblierten Raum um. Wenig genug, doch es war weg, einfach alles weg!

Wo sollte sie denn nun hingehen?

Sie hatte keine rechten Freunde, da sie ja immer nur gearbeitet hatte.

Die Schule hatte sie früher nur zeitweise besuchen dürfen und gerade mal so eben lesen und schreiben und auch ein klein wenig rechnen gelernt. Dabei konnte sie aber nur dazurechnen, oder abziehen in Summen bis ungefähr 100 Dollar. Gerade genug um vom Krämer nicht betrogen werden zu können. Doch weiteres hatte sie nicht mehr lernen können, weil sie vorher schon wieder hatte arbeiten gehen müssen.

Sie war darum bei weitem nicht wissend genug, um irgendwo als Lehrerin zu arbeiten.

Ein sittsamer, rechtschaffener Beruf für eine ledige Frau.

Aber was blieb ihr denn ansonsten noch übrig?

Das, was sie im Moment tat, brachte nur wenige Pennys ein. Sie würde sich nicht einmal ein schäbiges, kleines Zimmer im örtlichen Hotel in Silver Springs leisten können, geschweige denn eine halbwegs anständige Pension.

Doch sie wollte sich auch nicht selbst verkaufen, um zu überleben.

Nein, dachte sie ein weiteres Mal erschauernd. Eine Hure

kann ich niemals sein.

Doch was sollte sie denn nun tun? Wo sollte sie hingehen?

Sie hatte drei Dollar, die sie sich mühsam vom Mund abgespart hatte, für wirklich arge Notfälle, wie schlimme
Krankheiten, wenn der Arzt gerufen und bezahlt werden
musste.
Nun... Dies hier war ein Notfall. Doch sogar mit diesen drei Dollars würde sie nicht sehr weit kommen.

Abbygail sah kurz auf ihre abgearbeiteten Hände nieder.

Sie war jetzt gerade mal siebzehn Jahre alt, sehr mager und auch nicht besonders kräftig.

Ihre langen braunen Haare waren sehr dick, doch strähnig, da sie sich Seife und ausgiebige Bäder nur selten leisten konnte. Essen war wichtiger als Sauberkeit. Ihr ausgezerrtes Gesicht war zu kantig und sie insgesamt viel zu dünn. Dazu war sie auch noch so klein, dass sie kaum einer als Frau ansah, sondern eher noch als ein halbwüchsiges Kind.

Ihre Knochen stachen besonders an den Schultern stark hervor und sie hatte kaum weibliche Rundungen.

Alles in allem könnte sie auch jetzt gleich da hinaus gehen und sich einfach irgendwo niederlegen. Die Zeit würde dann den Rest für sie erledigen. - Oder die Wildhunde.

Das wäre jedenfalls ein gnädigerer Tod, als alles was da noch auf sie zukommen mochte.

Der Sheriff selbst hatte heute Nachmittag, als er ihr die traurige Botschaft mit einem lüsternen Grinsen auf dem fetten Gesicht überbrachte, keinen Zweifel daran gelas-sen, dass er sie nun als eine Art Freiwild betrachtete, welches er nur zu gerne zur Strecke zu bringen gedachte.

Unverschämt hatte er ihr dann auch noch angeboten mit

Madame Kitty, der ortsansässigen Hurenmutter im Saloon zu sprechen, falls sie eine dortige Anstellung, sowie dazugehörige, ausreichende Verpflegung und ein Dach über dem Kopf haben wollte.

Abbygail war fassungslos gewesen vor Entsetzten, doch der Sheriff hatte nur schmierig gelächelt und gemeint, sie solle doch gleich morgen mal bei ihm im Sheriffbüro vorbeischauen. Er würde ihr da ganz gewiss weiterhelfen können.

Der Mann war über vierzig, hatte kaum noch Haare auf dem Kopf und einen ungepflegten graubraunen Vollbart. Dazu war er so dick, dass Abbygail sein armes Pferd bedauerte, welches sein beträchtliches Gewicht jeden Tag durch die Gegend schleppen musste.

Sie hatte nur stumm vor Fassungslosigkeit den Kopf geschüttelt, dann war er weiterhin grinsend wieder verschwunden. Sie würde ihre Meinung schon noch ändern, hatte er noch gerufen.

Als Mann hätte sie ja noch einige Möglichkeiten gehabt, beim Bergbau, bei der Eisenbahn oder als Goldsucher. Doch selbst wenn sie sich als solcher verkleidete, sich das Haar abschnitt und die ohnehin schon sehr unterentwickelte Brust ganz flach schnürte, so hätte doch jeder gleich an ihren großen, von langen dunklen Wimpern umrahmten Augen erkannt, dass sie ein Mädchen war. Das einzige Attribut ihrer Weiblichkeit, verräterisch und eigentlich das schönste an ihr, wie ihr kleiner, bereits halbblinder Spiegel, der noch von ihrer Mutter herrührte, verriet.

Eiliges Hufgetrappel näherte sich dem Haus, doch Abbygail war jetzt schon alles egal. Sollten doch die Banditen kommen und sie ermorden. Sollten sie ihr doch auch noch den letzten Rest an Eigentum wegnehmen. Sie hatte nichts mehr zu verlieren.

Doch dann hörte sie die leise unsichere Stimme von Zacharias Smith, dem jüngsten Sohn von der zur rechten liegenden Nachbarfarm, gerade dreizehn Jahre alt. Sie putzte manchmal bei seiner Mutter, die ihr bei der Gelegenheit auch das anständige Kochen beigebracht hatte, wie auch das Nähen, Stopfen und Stricken.

Hallo? ...Miss Warren, - Hallo?“ Die junge, etwas heisere Stimme war kaum mehr als ein Flüstern im Dunkel. Abby hatte das Gefühl als wäre alles unwirklich. Ein Traum, nicht real. Sie konnte sich nicht rühren, sich nicht bewegen, nichts sagen. Ihre Kehle war furchtbar eng.

Eine kurze atemlose Pause entstand. Dann wurde die leise Stimme zögernder, unbehaglicher, fast schon panisch. „Miss Warren, sind sie noch da?“

Er klang so ängstlich. Natürlich, wo kam es auch schon vor, dass bei Dunkelheit keine Lampe angezündet wurde und dass das Haus für ein jeden, der zufällig vorbeikam, offen stand?

Der Junge musste denken, dass ihr etwas schlimmes zugestoßen war.

Seufzend stand Abbygail doch noch auf und trat an die Haustür.

Ich bin hier Zach.“, sagte sie mit schleppender Stimme.

Was machst du denn noch um diese Zeit hier draußen?“

Der Junge hatte blonde Haare die jetzt gerade im hellen Mondlicht schimmerten und auf der Nase eine Menge Sommersprossen. Er war immer lustig und mitteilsam und hatte es nicht verdient das sie ihre Nerven ihm gegenüber verlor, obwohl der hysterische, irrsinnige Schrei, den sie nur zu gerne losgeworden wäre, immer noch in ihrer Kehle festsaß.

Die ansonsten immer so lustig blitzenden grauen Augen, sahen sie besorgt an. Dann kam er langsam zu ihr herüber und zog dabei nervös seinen zerknautschten Hut vom Kopf. Er hielt außerdem noch irgendetwas anderes in der Hand. Doch was es war, konnte Abbygail nicht erkennen. Jetzt wo er vor ihr stand erkannte sie, dass er, obwohl ja eigentlich noch ein Kind, schon weitaus höher gewach-sen war als sie selbst, die nur ungefähr Einen Meter und fünfzig maß.

Guten Abend, Miss Warren.“, sagte der Junge nun doch sehr erleichtert und streckte zögernd eine zitternde Hand aus, die etwas eng zusammengerolltes hielt.

Eine Zeitung!?

Verwirrt nahm Abbygail sie entgegen und bedankte sich heiser bei ihm. Etwas lächerlich klang es schon doch sie hielt immer noch das Lachen zurück... dieses hysterische, irrsinnige Lachen das sie innerlich peinigte und unbedingt aus ihr herausplatzen wollte.

Er schien zu ahnen, dass sie nicht so recht wusste was sie mit der Zeitung anfangen sollte. Hastig erklärte ihr der Junge die Absicht die dahinter verborgen stand.

Ma schickt mich mit der Zeitung von dieser Woche, Miss Warren. Sie hat das von ihr´m Bruder gehört und denkt sich nu, was sie vielleicht vorha`m, Miss. Sie sagt, da drin steht eine große Anzeige, die sie unbedingt seh´n müss´n. Vielleicht hilft´s ihnen ja irgendwie. Und dann hat sie mir noch aufgetragen ihnen das hier zu geb´m...“

Er zog einen kleinen Lederbeutel heraus in dem einige wenige Münzen klimperten.

Abbygail kamen beinahe die Tränen, über die bewundernswerte Großherzigkeit der guten Mrs. Smith.

Ich nehme die Zeitung gerne an.“, erklärte sie brüchig.
„Doch gerade wo dieses Jahr so eine Dürre war und jeder eisern sparen muss, kann und will ich euch nicht euer weniges Geld wegnehmen, Zach. Sag deiner Ma aber trotzdem vielen Dank von mir. Und ich werde es schon irgendwie schaffen. Gott segne euch alle.“

Sie auch, Miss Warren.“, sagte der Junge traurig und ging mit hängenden Schultern wieder hinüber zu seinem Ackergaul, mit dem er die drei Meilen herüber geritten war.
Er schwang sich wortlos hinauf und ritt davon.

Abbygail sah ihm noch lange nach.

Schließlich ging sie wieder ins Haus hinein, setzte sich erneut auf den wackeligen alten Stuhl und legte die Zeitung auf den Tisch.

Dann seufzte sie schwer und zog einen kleinen Kerzenstummel zu sich heran.

Im Kohleherd war noch ein letzter Rest Glut. Sie entzündete einen kleinen Holzspann und machte Licht.

Irgendwie beruhigte sie die Aussicht etwas tun zu können. Das innerliche irre Lachen ebbte langsam wieder ab, sie fühlte sich zumindest ein klein Bisschen hoffnungsfroher.

Was hatte die gute Mrs. Smith wohl gefunden, was für sie in ihrer momentanen Lage eine Hilfe sein könnte?

Langsam und bedächtig faltete sie die Zeitung auseinander.

Sie hatte seit Jahren schon keine mehr in den Händen gehalten, es sei denn um sie fortzuräumen. Doch gelesen hatte sie schon lange nichts mehr. Deshalb viel es ihr nun zu Anfang auch reichlich schwer die einzelnen Buchstaben zu entziffern und Worte daraus zu bilden. Doch nach einer Weile ging es dann doch recht gut und sie kam langsam voran.

Es war eine landwirtschaftliche Zeitung und da gab es Artikel über die Aussaat von neuen Feldfrüchten in Weizengebieten. Mais sollte angeblich profitabler sein und weit wiederstandsfähiger als Getreide – was immer das auch bedeuten mochte.

Experimentelle Versuche mit etwas das sich ein Telegramm... nein Telephon nannte und womit man sehr weit hören konnte, wenn das Kabel nur lange genug war. Neue Methoden der Ernte, eine neue Art Fuhrwerk und der weiteren Dinge für Farmbedarf wurden präsentiert und vorgestellt... eine Fachzeitschrift aber es waren auch anpreisende, wohlgestaltete Anzeigentexte darinnen.

Kleine Kästchen, wo Makler ganze Landstriche zum Verkauf anboten, Farmen, Waldstücke und Parzellen weiter im Westen. Texas, Arizona, Montana und Minnesota.

Eine Anzeige war seitlich daneben mit einem dicken kohleschwarzen Kreuz markiert worden und die las Abbygail jetzt langsam durch.

Schließlich las sie sie noch einmal, weil sie glaubte sich verguckt zu haben und dann schließlich, nur um ganz sicher zu sein, noch ein drittes Mal:
Heiratsinstitut Goldberg

sucht für wohlhabende Farmer und Viehzüchter

im Westen passende, ehrenwehrte Ehefrauen.

Gebärfähigkeit, gute Gesundheit und ein
gewisses Maß an kräftiger Konstitution wird verlangt.
durchschnittliche Schulkenntnisse sind erwünscht.

Nähere Informationen erteilt Mr. Lippton,

Mainstreet, Silver Springs.

Abbygail ließ die Zeitung sinken.
Das wäre vielleicht wirklich eine Lösung, überlegte sie

stirnrunzelnd. Sie war gesund und bestimmt gebärfähig, auch wenn sie mager war, konnte lesen und rechnen, ein wenig schreiben und arbeiten, auch wenn sie zur Zeit nicht so aussah. Außerdem war sie noch jung und Ehrenwehrt. Noch immer Jungfrau.

Sie schloss die Augen.

Dies war doch fast so wie in ihrem Traum, oder?

Sie hatte sich einen guten Mann gewünscht, ein kleines Haus und eigene Kinder. Nun könnte sie all das haben, sofort und ohne Verzögerung.

Doch was, wenn sie wieder an einen solchen Trunkenbold wie ihren Bruder geriet? Was, wenn der Mann sie auch so schrecklich schlagen würde, wie Toby es getan hatte? Wenn er brutal war oder alt, hässlich und ekelig wie der Sheriff

Sie könnte leicht den Teufel mit dem Belzebub austreiben, wenn sie es recht bedachte.

Abbygail schluckte den bitteren Klos hinunter, der in ihrer Kehle größer und größer geworden war und begann stark zu zittern.

Doch dann riss sie sich gewaltsam zusammen und schimpfte sich selbst eine dumme, ängstliche Gans.

Sie hatte doch gar keine andere Wahl, als es einfach zu versuchen.

Dies war das beste und leider auch das einzige Angebot, dass sie in ihrer aussichtlosen Lage finden konnte.

Gleich morgen früh würde sie ihre bescheidene Habe nehmen und in die Stadt gehen. Sie würde sich ein neues Kleid kaufen müssen, um bei diesem Mr. Lippton einen guten Eindruck zu machen und vielleicht sollte sie heute Abend auch noch Baden und sich die strähnigen Haare

waschen.

Hoffnung stieg in ihr auf, klein und zart zwar, doch nichts desto Trotz Hoffnung.

Vielleicht würde ja doch noch alles gut werden.

Müde stand sie auf, um den Waschzuber zu holen, den Herd anzuheizen und im Vorratsschrank nach dem kläglichen Rest von Tobys kostbarer Seife zu kramen.

Sie musste sich zumindest ein wenig präsentabel machen, für diesen Mr. Lippton. Alles weitere würde sich schon finden.



*



Abbygail erreichte Silver Springs am frühen Vormittag, das sie zu Fuß gehen musste und ging zunächst in den Kontor, um das geplante neue Kleid zu erwerben. In den alten Lumpen würde sie für ein Heiratsinstitut niemals bestehen können.

Regale standen dicht an dicht, bis hinauf unter die Decke reichend und waren vollgestopft mit allen möglichen Waren, welche die Leute gebrauchen konnten. Stoffe, in mehreren Farben, mit und ohne Blumenmuster, aus verschieden kostbaren Materialien, lagen auf einem großen Tisch ausgebreitet, damit der hereinkommende Kunde sie sogleich bewundern konnte. Lampen, glänzen-de Einmachgläser und Kerzen standen gleich daneben. Auf der Theke waren drei riesige Glasbehälter mit Bon-bons, Lakritze und Zuckerstangen aufgebaut, die prall ge-füllt waren. Säcke von Mehl, weißem und braunen Zucker und verschiedener Getreidesorten stapelten sich gegenüber an der Wand. Kaffe, Tee und viele andere Dinge, Gewürze, Backpulver, Töpfe und Pfannen, Teller und Bestecke gab es ebenfalls zu erwerben, sowie Grabwerkzeuge, Pflüge und Ackergerätschaften, draußen im angrenzenden Schuppen. Jedes Mal, wenn Abbygail hier hereinkam, sah sie sich um, wie in einem Schlaraffenland. Es gab einfach alles, was man sich nur wünschen konnte, sogar frisches Fleisch, dort hinten im Lagerraum. Riesige geräucherte Schinken, Würste, Dörrfleisch, Obst und Gemüse.

Trotz der vollgestopften Regale hatte man ausreichend Platz, um zu gehen, zu stehen und zu plaudern, auch wenn noch zehn andere Leute im Laden waren.

Die Ladenbesitzerin kannte sie noch von früher, als sie einmal hier gearbeitet hatte und war ihr sogleich behilflich und voller Feuereifer bei der Sache ein passendes Kleid für sie zu finden. Tatsächlich hatte sie ein ganz besonderes Stück für sie im Sinn und gab ihr sogar einen Nachlass darauf ...weil es ohnehin ein Ladenhüter war. Für normale Frauen viel zu schmal geschnitten, französisch schmal eben und sehr elegant, was hier aber kaum einer jemals zu tragen wagte, ja es nicht einmal wollte.
Es war ein Fehlkauf gewesen.
Ihr Mann hatte sie deswegen schon scharf zurechtgewie-sen, weil sie dieses moderne Ding aus dem Katalog be-stellt und sich hatte schicken lassen. Es nun loszuwerden, wenn auch nur zum gleichen Preis zu dem sie es erworben hatte erleichterte sie ungemein.

Also erlaubte sie Abby, es im Hinterzimmer anzuprobieren.

Das Kleid war vorne betont schlicht und gerade gehalten, taubengrau, aus einem fein-wollenen Tuch genäht und von sehr guter Qualität. Es hatte eng anliegende Ärmel, die sich an der Schulter in kleine, ausgestellte Puffärmel verloren und einen hochgeschlossenen spitzenbesetzten Kragen, mit vielen kleinen, weißen Knöpfen, die am Oberteil bis zur Taille hinab reichten.

Der Rock war hinten am Po hoch gerafft und ausgestellt,

was Abbygail zumindest einen geringen Anschein von wohlgerundeten Formen verlieh. Sie betrachtete sich in dem Spiegel der bei Mrs. Pendelton im Hinterzimmer hing und war sehr angetan von ihrem plötzlich doch erstaunlich gutem Aussehen. Ja, sie fand sich sogar richtig hübsch in dem wundervollen Kleid. Rasch flocht sie sich noch das Haar und rollte es zu einem schweren Knoten am Hinterkopf auf.

So sah sie beinahe wie eine ganz normale gutbürgerliche Frau aus.

Nichts erinnerte mehr an ihre Armut, außer natürlich ihre dünne, sehr zierliche Statur und das schmale, etwas zu blasse Gesicht.

Gottlob gab es nicht so viele dünne Frauen hier, denen das Kleid passen konnte und die es auch noch tragen mochten. Abbygail selbst war es immer noch ein klein wenig zu weit, doch das bemerkte der Betrachter kaum.

Dennoch musste sie schlucken als sie an den ermäßigten Preis dachte. Zwei ganze Dollar sollte es kosten!

Sie schluckte und nahm ihren ganzen Mut zusammen.

Wenn sie wirklich als eine Ehekandidatin bei Mr. Lippton vorsprechen wollte, musste sie auch dementsprechend aussehen. Keinesfalls konnte sie in ihren fadenscheinigen, abgenutzten Kleidern dort auftauchen. Er würde sie wahrscheinlich sofort wieder hinaus werfen und dabei auch noch höhnisch auslachen.

Mrs. Pendelton kam geschäftig hereingewuselt und blieb mit einem bewusst strahlenden Lächeln vor ihr stehen.

Sie sehen wundervoll aus, Miss Warren. - Einfach

wundervoll!“ , schwärmte sie hingerissen und ging

einmal um sie herum.

Sie sind zwar ein bisschen arg dünn, doch wenn sie erst

einmal regelmäßig Essen, werden sie bestimmt rasch zunehmen.

Sie klopfte sich lachend auf ihre eigenen wohlgerundeten Bauch und Abbygail lächelte schwach.

Trotzdem ist das Kleid noch immer ziemlich teuer für mich, Mrs. Pendelton.“, sagte Abbygail besorgt. „Ich habe nur die drei Dollar und möchte gleich bei Mr. Lippton in der Mainstreet vorsprechen...“

Dem Heiratsvermittler?“, fragte Mrs. Pendelton verblüfft und griff sich ans Herz. „Kindchen, ich dache sie hätten etwas gespart und auf die Seite gelegt. Und nun da ihr Bruder tot ist...“

Er hat die Farm verspielt, Mrs. Pendelton. Ich habe keine Bleibe mehr. Diese Heiratssache ist für mich die einzige ehrenwerte Möglichkeit. Vielleicht bekomme ich ja dadurch einen guten Mann. Ich kann hart arbeiten, das wissen sie.“

Sie hatte früher, als sie gerade dreizehn war, des öfteren im Lager geholfen, Kisten ausgepackt und Säcke umgestapelt, bis Mrs. Pendeltons ältester Sohn alt genug gewesen war, um selbst mithelfen zu können. ... und um ein Auge auf sie zu werfen und ihr nachzustellen.

Nur zu gerne hatte sie ihre Stellung aufgegeben und war statt dessen Putzen gegangen, wo die braven Bürgerinnen sie kaum eine Sekunde aus den Augen ließen, weil sie befürchteten, das Lumpenmädchen könnte vielleicht doch ihr Familiensilber mitnehmen, sofern sie welches besaßen.

Mrs. Pendelton zog hörbar die Luft ein und überlegte

kurz, doch schließlich kannte sie ja Mr. Lippton persönlich und wusste wie verzweifelt dieser darüber war, das es so wenige Frauen in der Umgebung in den Westen zog, wo seine reiche Männerkundschaft auf ihre bestellten Frauen warteten. Und vielleicht, so dachte sie, könnte sie mit dem Kind hier doch noch ein gutes Geschäft machen. Denn schließlich brauchte man für eine so weite Reise noch weitere Dinge. Ihr habgieriges Herz hatte keinen Platz für die Sorgen und Nöte der jungen Frau. Sie wollte Profit, und den würde sie ganz sicher bekommen.
Noch einmal musterte sie die junge Frau unauffällig. Nicht besonders einnehmend, aber ausreichend, beschied sie für sich. Für einen ungehobelten wilden Cowboy aus dem Westen allemal genug. Und wenn sie es denn so haben wollte...
„Gut, Kindchen,“, meinte sie in einem begütigenden, gurrenden Tonfall. „Ich mache ihnen einen Vorschlag. Wenn sie Erfolg bei Mr. Lippton haben, kommen sie zurück und bezahlen das Kleid. Wenn sie keinen Erfolg haben, können sie es mir zurückgeben und sparen sich das Geld dafür, wie klingt das?“

Abbygail wäre beinahe in Tränen ausgebrochen vor Erleichterung. Sie hätte niemals gedacht, dass diese damals sehr gestrenge Arbeitgeberin und knauserige Rechnerin so gütig sein könnte.

Oh das ist... wirklich großzügig. Vielen Dank Mrs. Pendelton. Ich weiß gar nicht... was ich dazu sagen soll, das ist wirklich sehr nett von ihnen.“

Die ältere Geschäftsfrau winkte rasch ab.

Später können wir ausführlich darüber reden, Kindchen. Erst einmal gehen sie zu Mr. Lippton und sprechen mit ihm. Dann sehen wir weiter.

Er hat seinen Laden gleich hinter der nächsten Ecke. Ein weißes Haus mit grünen Fenstern.“

Abbygail bedankte sich und nahm ihr Bündel auf. Doch dann blieb sie verwirrt stehen.

Kann ich ...meine Sachen vielleicht bis nachher bei ihnen lassen, Mrs. Pendelton? Darin befindet sich auch mein Geld. Drei Dollar sind es. ...Nur damit sie nicht glauben, dass ich nicht wieder komme.“

Die Frau lächelte gespielt gutmütig und nickte hastig zustimmend.

Insgeheim war sie sehr froh, über die Pfandgabe, da sie ihre gute Tat eigentlich bereits bereute. Wer wusste schon, ob das Mädchen auch tatsächlich genug Geld besaß, um für das Kleid zu bezahlen oder ob sie es tatsächlich zurückbringen würde? Sie war zwar früher ein ehrliches Mädchen gewesen, fleißig und still, doch selbst solche konnten in der Not schon mal erfinderisch werden, das wusste doch nun wirklich jeder, der ein bisschen Verstand im Kopf hatte.

Um ganz sicherzugehen würde sie aber gleich nachher noch mal nachschauen, ob sie nicht doch betrogen wurde. Wenn sie das Geld fand würde sie das Bündel wieder zuschnüren, wenn nicht, ...ja dann würde das lügnerische, nichtsnutzige Ding sehr wahrscheinlich Ärger bekommen. Großen Ärger!



Abbygail ahnte nichts von den misstrauischen Gedankengängen der älteren Frau und eilte beschwingt aus dem Laden hinaus und in die Mainstreet hinüber. Das Haus war tatsächlich nicht weit vom Laden entfernt und Abbygail atmete tief ein, bevor sie all ihren Mut zusammennahm und die kleine Türglocke anschlug.

Ein ernst blickender Mann im vornehmen braunen Anzug und blank polierten Lederstiefeln öffnete ihr die Tür und musterte sie kurz wie eine Ware von oben bis unten. Seine Haare waren sorgfältig gescheitelt und mit Wasser und Pomade eng an den Kopf gekämmt. Sein gepflegter Schnauzer zwirbelte sich leicht nach oben und eine goldene Taschenuhr lugte aus seiner seidenen Westentasche heraus.

Sie wünschen?“, fragte er von oben herab und Abbygail wurde augenblicklich nervös.

Sind sie Mr. Lippton, vom Heiratsinstitut Goldberg, das in der Zeitung inseriert hat, Sir?“, fragte sie scheu und der Mann nickte knapp.
„Mein Name ist Miss Warren.
Miss Abbygail Warren.
Ich habe ihre Anzeige in gelesen und wollte fragen...“
Augenblicklich war das vornehme Getue dieses Mannes vorbei und er öffnete ihr mit einem überaus schmierigen Lächeln die Tür, um sie einzulassen.

Sie suchen also einen guten Mann, meine verehrte Miss Warren?“, schnurrte er sie rüde unterbrechend an „...Da sind sie bei mir genau richtig.“ Sein Blick wanderte dabei abschätzend über ihre zierliche Gestalt und das teure Modelkleid. Ganz eindeutig keine arme Miss, befand er für sich und gedachte daraus sofort seinen Nutzen zu ziehen. Dann führte er sie rasch durch die dunkle, mit schweren und teuren Möbeln ausgestattete Wohnung, direkt in sein Arbeitszimmer und bot ihr einen äußerst unbequem aussehenden aber auf Hochglanz polierten Stuhl an.

Nun denn, ...mein Klientel ist weit draußen im Westen verstreut. Es gibt dort oft nur wenige Frauen, deshalb holen die wohlhabenderen Männer von Welt sich die ihren durch solche Institute wie meines. Natürlich sind wir angesehen und haben einen gewissen Ruf zu wahren, wie sie sicherlich verstehen werden...“

Unbewegt aber mit heftig klopfendem Herzen sah Abbygail ihn an. Langsam bekam sie es doch irgendwie mit der Angst zu tun. Der Kerl war ihr entschieden zu schmierig. Hoffentlich war er wenigstens seriös und wollte sie nicht an irgendeinen versoffenen Eremieten mit Flöhen und einer Bruchbude, die er als Palast verschrie verscherbeln.

Er räusperte sich vernehmlich und setzte ein Monokel auf, bevor er einige Unterlagen durchsah und endlich laut daraus vorlas.

Alle Auslagen werden von den zukünftigen Ehemännern getragen, so auch ihre gesamten Reisekosten, sowie die Kosten für Pensionen, Kutschstationen und Hotels, in die sie unterwegs einkehren werden. Wir haben alle nötigen Dokumente für eine Ferntrauung, die vom örtlichen Richter geschlossen wird und selbstverständlich rechtsgültig ist. Von ihnen wird erwartet, dass sie körperlich gesund, gebährfähig und arbeitswillig sind.“

Bei diesen Worten sah er sie scharf an. „Verzeihen sie mir, wenn ich das so sage, Miss Warren, doch sie sehen mir... nun, ein wenig bleich und kränklich aus.“, meinte er nun wieder von oben herab.

Sein ablehnender Tonfall trieb Abbygail die Tränen in die Augen und sie wurde noch ein wenig blasser. Ihr Herz fing an hart gegen ihre Rippen zu schlagen und sie glaubte schon alles sei verloren. Doch dann riss sie sich erneut zusammen und atmete, das Kinn um einige Zentimeter anhebend, tief durch.

Mein Bruder starb erst kürzlich durch eine verirrte Kugel, Sir. Ich stehe nun ganz alleine in der Welt und kann meine Farm nicht halten. Sie verstehen sicherlich dass mir dieses traurige Ereignis sehr nahe ging, nicht wahr Mr. Lippton?“, sagte sie mit soviel eisiger Verachtung in der Stimme, wie sie nur irgend aufbringen konnte.

Der Mann nickte ganz langsam und errötete verlegen.

Abbygail sah das als gutes Zeichen an um fortzufahren. Vielleicht ließ er sich ja doch noch überreden, hoffte sie. „Ich brauche nun einen zuverlässigen, starken Ehemann, Mr. Lippton. Ich bin harte Arbeit gewöhnt. Wie ich schon sagte hatten wir eine Farm. Ich kann sehr gut kochen, nähen, waschen und auch putzen und bin jung genug, um einige Kinder zur Welt zu bringen. So wie es in ihrer Anzeige gefordert wird.“

Mr. Lippton sah sie erneut scharf an und fragte sich anscheinend, ob er ihr Glauben schenken konnte. Wieder schweifte sein Blick über ihr Kleid und schließlich zuckte er die Schultern.

Den zukünftigen Ehemännern ist es recht egal wie sie im genauen aussehen. Doch hier, Mr. Rave Bainbright aus Colorado, Hot Fields, will eine Frau die Lesen und schreiben kann, die gesunde Zähne hat und an harte, schmutzige Arbeit gewöhnt ist. Er gibt an, ein erfolgreicher, wohlhabender Pferde- und Schweinezüchter zu sein, eine eigene Ranch, keine Familie, keine Kinder aus einer ersten Ehe. Zudem ist er auch noch nicht alt, fünfundzwanzig, wie er angegeben hat.“

Abbygails Herz klopfte zum zerspringen, und ihre Finger wurden eisig kalt.

Ein Pferde- und Schweinezüchter und wohlhabend auch noch.

Aber es war im Grunde egal, auch wenn er nicht viel

Geld haben würde. Sie würde durch die Heirat eine ehrbare Frau sein.

Ich habe gute Zähne, wie sie sehen können und kann

auch lesen Mr. Lippton, sonst wäre ich ja wohl nicht hier!“, sagte sie nervös die Hände knetend. Sie wagte nicht ihm offen ins Gesicht zu sehen, denn mit dem Schreiben hatte sie so einige Schwierigkeiten. Sie konnte zwar einen Brief verfassen, doch wahrscheinlich würde dieser voller Fehler sein, da sie ja die Schule nie richtig abgeschlossen und wegen der vielen Arbeit auch nur unregelmäßig besucht hatte. Trotzdem würde sie gerne Mrs. Rave Bainbright werden, wenn Mr. Lippton ihr dies gestattete.

Dieser sah Abbygail nach wie vor misstrauisch an und zuckte schließlich nur noch einmal mit den Schultern.

Dann denke ich, sie sollten hier unterschreiben und dann mit mir hinüber zu unserem ortsansässigen Richter gehen, damit dieser die Ferntrauung durchnimmt. Morgen können sie bereits mit der ersten Postkutsche nach Hot Fields aufbrechen, so sie dazu bereit und in der Lage sind. Wohnen sie weit außerhalb?“

Ich habe die Farm bereits verkauft, Mr. Lippton.“, schwindelte Abbygail hastig und bat den lieben Gott insgeheim um Verzeihung für ihre Notlüge.

Ich besitze nicht mehr viel und bin jederzeit bereit zu reisen.“

Wunderbar!“, lächelte der Heiratsvermittler und reichte ihr seinen Federhalter, damit sie den Vertrag unterschrieb.

Abbygail legte den wertvollen Federhalter jedoch erst einmal beiseite und las gründlich durch, was sie da unterschreiben sollte.

Das hatte Mr. Smiths´ Beispiel sie vor einigen Jahren

gelehrt, nachdem er einen Vertrag unterschrieben hatte, ohne das Kleingedruckte zu lesen. Er war damit böse auf die Nase gefallen, und die Familie war daran beinahe bankrott gegangen, weil sie viel Geld bei der Sache verloren hatten.

Und tatsächlich fand Abbygail auch hier einen riesigen

Haken.

Da stand, es würde von ihr eine Heirats-Abschlussgebühr von fünf Dollar erhoben.

Entsetzt schüttelte Abbygail den Kopf und legte den Vertrag sofort nieder.

Dies kann ich nicht unterschreiben, Mr. Lippton!“, erklärte sie hart, wodurch das schmierige Grinsen des Heiratsvermittlers einen herben Dämpfer bekam. Und er augenblicklich ernst wurde.

Abbygail tippte wütend auf den Vertrag. „Sie behaupte-ten eben gerade noch alle Ausgaben und Unkosten würden von den zukünftigen Ehemännern übernommen werden. Warum also auch noch eine Gebühr von mir einstreichen? Sie sind es doch, der Bräute für die ehrenwerten und reichen Ehemänner sucht, oder? Ich weigere mich auch nur eine Dollar auszugeben, da ich ohnehin nur durch meine Zustimmung ihre Börse mit reichlich Geld fülle. Und da die Frauen offenbar nicht gerade Schlange bei ihnen stehen, denke ich, sie sollten sich diese Gebühr in ihrem Vertrag noch einmal gründlich überlegen, Sir.“

Abbygail zitterte beinahe vor Angst über ihre eigene Kühnheit.

Sie sah bereits all ihre Felle davonschwimmen, sich selbst auf der Straße und ohne jede Zukunftsaussicht. Da seufzte Mr. Lippton kurz ärgerlich auf, nahm den Vertrag mit betont finsterem Blick wieder zurück und strich die entsprechende Passage mit seinem eleganten goldgeprägten Federhalter einfach durch.

Weil sie es sind, wehrte Miss Warren, will ich einmal

eine Ausnahme machen.“, knurrte er düster vor sich hin. Doch insgeheim war er erleichtert. Die Frau hatte keine weiteren Fragen über ihren zukünftigen Gatten gestellt sondern war bereit das zu tun was er ihr sagte. Der Mann, um den es hier ging hatte ihm in der Tat schon vor Monaten eine stattliche Summe Geld gezahlt. Doch einen Schweinezüchter, auch wenn er wohlhabend war, wollte niemand haben, deshalb hatte er das mit den Pferden noch dazugedichtet. Wenn kümmerte es noch, wenn die Frau erst angekommen und verheiratet war? Dann gab es sowieso kein Zurück mehr. Beflissen lächelnd reichte er ihr den Vertrag wieder über den Tisch zurück.

Sorgfältig las sie sich auch noch den Rest durch, Mr. Lippton geriet schon in Schweiß, solange dauerte es. Hatte sie etwa noch mehr daran zu bemängeln? Musste sie denn alles gleich dreimal lesen, verdammt? Schließlich nickte Abbygail hoheitsvoll, straffte die Schultern und unterschrieb den Vertrag.

Sie würde nun gleich Mrs. Rave Bainbright werden!

Was für ein schöner kraftvoller Name. Ein Schweine- und Pferdezüchter.

Ein gewiss sehr wohlhabender Mann, wenn er sich ihre Reisegebühren, Hotel und Poststationsunterbringungen leisten konnte, wie auch die horrenden Abschlussgebüh-ren von Mr. Lippton, welche auch in ihrem Vertrag erwähnt worden waren.

Vor lauter Aufregung geriet ihre Unterschrift ein wenig zu schwungvoll, doch Mr. Lippton bemerkte es gar nicht.

Er legte das Papier nur eilig zurück in die Mappe und erhob sich dann breit lächelnd.

Wenn sie mir nun bitte zum Richter folgen würden, liebe Miss Warren...“, sagte er überaus höflich zu ihr.


Nur wenige Minuten später, war sie eine verheiratete Frau.

Abbygail konnte ihr Glück kaum fassen und schwelgte im siebten Himmel. Es war so aufregend und erleichternd zu wissen, dass man bald ein Dach über dem Kopf und einen Ehemann zu versorgen haben würde. Nur der Gedanke an ihren noch unbekannten Mann beunruhigte sie ein wenig. Was, wenn er sie am Ende gar nicht mochte...?

Abbygail war natürlich fest entschlossen ihn für sich zu gewinnen, koste es was es wollte. Sie brauchte keine liebestollen Geständnisse und romantische Floskeln, nur ein ganz klein wenig Anerkennung für ihre Arbeit, ihren Fleiß, genau das, nicht mehr. Sie würde also hart arbeiten und sie sich hoffentlich verschaffen.

Bis die Postkutsche eintraf sollte sie ab sofort im Hotel bleiben – auf eigene kosten.

Nervös lief Abbygail zurück zu Mrs. Pendeltons Laden. Diesmal nahm sie sich Zeit die Auslagen zu betrachten und lächelte glücklich.

Miss Warren! Hat es geklappt?“, fragte Mrs. Pendelton, die sie schon hatte kommen sehen und ihr entgegengeeilt war. Abbygail nickte nur strahlend.

Ich bin nun Mrs. Rave Bainbright und fahre morgen früh zu meinem Ehemann nach Hot Fields in Minnesota.“, lächelte sie glücklich.

Herzlichen Glückwunsch Kindchen!“, strahlte die Krämerin und zog sie gleich an der Hand mit sich hinein. „Da müssen sie natürlich auch noch einen passenden Reise-Hut bekommen und eine Tasche, für ihre

Habseligkeiten, Mrs. Bainbright. Sie können doch nicht, so vornehm wie sie nun aussehen, ein solches Lumpenpäckchen mit sich herumtragen!“

Abbigail lächelte schief. „Mrs. Pendelton, ich muss dieses Kleid bezahlen und auch noch das Hotel für eine Nacht. Das kostet mich fast meine ganzen Ersparnisse. Ich habe einfach kein Geld mehr übrig für so etwas feines!“

Ach papperlapapp!“, unterbrach die Krämerin sie lächelnd. „Kommen sie mit hinein, ich mache ihnen einen Sonderpreis... weil ich sie doch so gut kenne.“

Insgeheim überschlug sie bereits was die Ware sie gekostet hatte und wie viel sie im Preis nachlassen konnte, um immer noch gut daran zu verdienen.

Der Sonderpreis war für Abbygail dann auch wirklich verlockend, doch wenn sie die Dinge kaufte, die Mrs. Pendelton ihr vorschlug, würde sie heute Nacht auf der Straße schlafen müssen. Niedergeschlagen wollte sie schon ablehnen, da trat plötzlich Mrs. Smith in den Laden.

Abbygail!“, rief sie lächelnd aus. „Wie gut das ich sie noch antreffe! Haben sie die Anzeige gelesen, hilft es ihnen vielleicht ein wenig weiter, mein gutes Kind?“

Abbygail nickte die mütterliche Farmerin strahlend an.

Ich bin nun Mrs. Rave Bainbright, Mrs. Smith. Die Ehefrau eines wohlhabenden Viehzüchters.“, berichtete sie ihr aufgeregt. „Und Morgen früh schon fahre ich zu meinem Ehemann nach Minnesota.”

Mrs. Smith, eine schlanke, hochgewachsene Blondine in mittleren Jahren, mit eisgrauen Augen und kantigen Gesichtszügen, klatschte erfreut in die Hände und atmete sichtlich erleichtert auf. „Ich habe mir schon Gedanken um sie gemacht, mein Kind. Sie stehen ja nun ganz alleine in der Welt. Obwohl ich persönlich finde, dass dies so besser für sie ist, wie ihr Bruder sie

immerfort auf's Schäbigste behandelt hat.“

Einfach schändlich!“, stimmte Mrs. Pendelton, die Vorsitzende der hiesigen Suffragetten zu und kam um die Ladentheke herum, um sich am neu entwickelten Gespräch eifrig zu beteiligen und dabei auch noch ein klein wenig zu klatschen.
Sie kämpfte strickt gegen den verzehr von Alkohol, auch wenn ihr Gatte selbst ein Gegner ihrer ehrbaren, christlichen Arbeit in diesem Bereich war und munter seine alkoholischen Waren an den Mann brachte, welche dem Laden allerdings ebenfalls so einiges einbrachten.
Außerdem ergab sich hier noch die Gelegenheit eine Verbündete für ihr Vorhaben zu gewinnen, ihre Waren an die junge Mrs. zu bringen, die bald schon fortgehen würde.

Stellen sie sich nur vor Mrs. Smith! Das arme Kind will morgen schon aufbrechen und hat nicht einmal einen ordentlichen Hut. Von einer anständigen Reisetasche ganz zu schweigen. Was wird ihr Ehemann nur von ihr denken, wenn er sie mit diesem Lumpenpäckchen an der Kutsche in Empfang nimmt!“, empörte sie sich mit einem kurzen Seitenblick auf Abbygail die von ihren Worten sichtlich beschämt wirkte. Na also, dachte die listige Krämerin lächelnd, gleich kauft sie doch noch weiter bei mir ein.

Er... Er ist ein Pferde- und Schweinezüchter, Mrs. Pendelton und ich denke wirklich, dass es ihm nichts ausmachen wird, weil er bestimmt erfreut sein wird mich kennen zu lernen. Vielleicht bemerkt er meine schlichten Gepäckstücke noch nicht einmal!“, meinte sie hoffnungsvoll und voll naiver Unschuld.

Der Blick den Mrs. Pendelton und Mrs. Smith tauschten, war allerdings weniger ermutigend, dennoch murmelte die Ladenbesitzerin ein pflichtschuldiges: „Gewiss mein Kind.“

Mrs. Smith hingegen sah Abbygail nachdenklich an und zog sie schließlich ein Stück mit sich bei Seite.

Aus ihrer Tasche nahm sie den kleinen Lederbeutel, den Zach ihr gestern noch hatte geben wollen.

Abbygail öffnete schon den Mund um das Geld abzuweisen, doch Mrs. Smith nickte so energisch, dass sie verwirrt schwieg.

Doch Abbygail. Es ist wirklich nicht viel. Aber sie können davon alle Sachen bezahlen, die sie noch benötigen. Es ist immer sehr wichtig als Frau einen guten ersten Eindruck zu machen, wenn man den eigenen Ehemann kennen lernt. Vielleicht geben sie mir das Geld eines Tages zurück, wenn ihr Gatte so wohlhabend ist, wie dieses Heiratsinstitut behauptet und es gestattet? Sehen sie es doch als freundschaftliches Darlehen unter Frauen...“

Damit drückte sie ihr den Beutel in die Hand und schloss ihre zitternden Finger darum herum.

Abbygail schluckte und sah dann sorgenvoll auf den kleinen dünnen Beutel herab.

Sie öffnete ihn und vier fünfundzwanzig Cent Stücke schimmerten darin.

Ein ganzer Dollar! Sie schluckte, die Kehle wurde ihr eng und sie versuchte genug Luft zu holen und diesen freudigen Schock wieder zu verkraften.

Dann sah sie mit Tränenverschleiertem Blick auf, direkt in Mrs. Smith freundliche Augen. „Ich kann doch nicht einfach... Das ist doch wirklich zuviel...“, stammelte sie heiser, doch Mrs. Smith lächelte nur und nickte ihr freundlich zu. „Doch Abbygail, Sie können... Sie brauchen das Geld nötiger als ich – zurzeit! So schlimm war unsere Ernte nun auch wieder nicht.

Aber schreiben sie mir einige Zeilen, ja? Wenn sie in

Minnesota sind und vielleicht die Zeit dazu finden können, damit ich weiß wie es ihnen dort so ergeht und ob sie glücklich sind.“, bat sie ernsthaft.

Abbygail nickte und versprach es, zutiefst aufgewühlt

über die Großzügigkeit der älteren Frau, die gleich darauf mit einer freundlichen Verabschiedung und einem kurzen Winken zur Ladenbesitzerin hin den Laden verließ.

Anscheinend wollte sie vermeiden das Abbygail es sich doch noch anders überlegte und das Geld an sie zurückgab.

Mrs. Pendelton kam nun rasch herbei, den kleinen Beutel von Mrs. Smith immer im Auge, sah Abbygails rührselige Tränen und tätschelte ihr nachsichtig lächelnd die Hand. Sie war insgeheim schon wieder am rechnen, was sie dem Mädchen nun noch alles verkaufen könnte, ganz die Krämerin, die sie nun einmal war.

Das reicht nun bestimmt auch noch für ein Paar gute feste Schuhe, Miss. Ein unbedingtes Muss, wenn sie im Westen vor ihren Gatten treten ...Sie haben Größe fünf ?“, fragte sie angelegentlich lächelnd.

Abbygail brach in Tränen aus.





22.4.18 16:30

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bisher 3 Kommentar(e)     TrackBack-URL


girlyy_99 (17.4.18 18:50)
Omg ich habe mich so auf dieses Buch gefreut *-* es ist soooo toll😍
Und auch wenn ich es schade finde, dass du nicht mehr auf Wattpad schreibst, ist es mega, dass du jetzt hier eigenständig bist 💕


Bea Stache (17.4.18 19:52)
Ich danke Euch für die ermutigenden Worte.
Ja, ich fand es auch traurig, dass ich Wattpad verlassen musste. Dort hat man etwas bessere Möglichkeiten Multitask zu schreiben und auch mit euch zu komunizieren. Aber ich denke ich habe hier eine Blogseite gefunden, wo es fast genau so sein kann.
LG Bea



Lalakeks (18.4.18 05:49)
Das erste Kapitel ist schonmal super😍. Freue mich schon auf den Rest.

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