Rahel wollte nur noch weglaufen...
Ganz schnell und gaaaanz weit weg.
Statt dessen stand sie dann Sekundenlang nur wie erstarrt da, atmete und hielt seinem Blick mit aller Kraft, die gerade noch in ihr war, stand.

Er knurrte schließlich... als erster.
- Gewonnen.

Sie setzte sofort eine äußerst finstere Mine auf, grollte irgendwas unverständliches und drehte sich dann ohne was zu irgendwem zu sagen um, kletterte über die zerfetzten Sofateile und watete durch knirschende und klirrende Glasscherben hindurch zum Flur hin, ohne noch einmal zu den nur Luft anhaltenden Gaffern zurück zu blicken.

Natürlich folgte er ihr.
Und natürlich hielt ihn auch keiner davon ab.
Feige Bande!

Rahel erreichte schließlich mit zittrigen Knien die Treppe und obwohl alles in ihr zog, klopfte, pochte und sie drängte jetzt sofort und so schnell sie konnte, ja, wie eine Irre nach oben zu hechten und dort die Tür ihres Zimmers vor ihm zu verschließen, den Schrank davor zu schieben und sich kreischend und zitternd unter der Bettdecke zu verkriechen, stieg sie trotzdem nur ganz langsam Stufe für Stufe hinauf. Erst die erste und dann die zweite Treppe. Sie ging direkt zu ihrem Zimmer.

Er war es aber der dann über sie hinweg griff und ihre Tür aufschob.
Sie ging steifbeinig rein und rüber zum Fenster aus dem sie blicklos hinaus starrte, voller Furcht was er nun mit ihr machen würde.

Das letzte Mal als er von ihr vor anderen verletzt worden war hatte er ihr schließlich Schläge angedroht.
Würde er das jetzt also durchziehen?
Mit der gebrochenen Hand würde sie ihn wohl kaum abhalten können. Sch.....!!!!

Seine Hand, die ganz kurz ihren Nacken berührte, ließ sie heftig zusammenfahren.
Ihr Herz raste einmal mehr davon, die Beine knickten unter ihr weg, wie berstende Streichhölzer und er knurrte einen leisen Fluch, als er sie auffangen musste, damit sie nicht umfiel:
"Scheiße, Rahel!"

Schon hatte er sie auf die Arme gehoben und sie brach ganz unvermittelt wieder in Tränen aus.
"Tu's nicht, bitte.", schluchzte sie leise und verbarg ihr nun brennend heißes Gesicht an seiner Schulter, während er sich mit ihr auf das Bett setzte und leise grollend über ihren Scheitel strich.

"Rahel...", knurrte er schließlich noch Einmal düster und sie schüttelte nur heftig erzitternd den Kopf als er sie sachte ein Stückchen von sich schob, um sie ansehen zu können.

Ihre Blicke trafen sich und beide öffneten zu selben Zeit den Mund und sagten im haargenau selben Augenblick:

"Es tut mir Leid!"

Verdutzt schaute Rahel zu ihm hoch, wie auch er überrascht auf sie runter. Doch er fing sich als Erster und seufze leise auf.
" Ich hab dich gerade wohl fast zu Tode erschreckt, hm? - Das wollte ich nicht, Rahel. Das musst du mir glauben.", verlangte er leise knurrend von ihr.

Sie schüttelte nur wieder verwirrt schniefend den Kopf. "Du bist sauer auf mich.", sagte sie nur mit leiser, beinahe brechender Stimme.

"Ach? Ist das so?", fragte er sie verdutzt.
Sie nickte nur jammervoll und wagte es nicht ihm noch Mal in die Augen zu sehen vor Furcht.

"Du hast also jetzt gerade tatsächlich Angst vor mir statt sauer auf mich zu sein...", hakte er verwundert nach "Was ich viel eher noch verstehen würde... schließlich habe ich sogar blöderweise den Rudelarzt von dir fern gehalten, obwohl du verletzt bist und es dir außerdem unmöglich gemacht weiter ganz normal in die Schule zu gehen, wie alle anderen auch...", zählte er leise brummend seine eigenen Verfehlungen auf.

Rahel schüttelte nur wieder heftig schniefend den Kopf und begriff es nicht.
Was sprach er denn da?
Er war doch sauer auf sie, eben... unten noch... Glühaugen und finsteres Anknurren, wie er auf sie zu- und gerade hinter ihr hergekommen war...
"Schlägst du mich jetzt?!", fragte sie ihn nur noch weinerlicher und presste fest die Augen zu, weil sie sich vor seiner Antwort fürchtete.

Dared:

Hätte sie die Augen offen gelassen hätte sie sofort gesehen wie entsetzt er auf ihre Worte reagierte, wie bleich er schon im nächsten Augenblick wurde und fassungslos er nun auf die nun gekrümmt auf seinen Beinen sitzende Rahel herunter starrte.

Sie duckte sich fast schon vor ihm, weinte leise vor sich hin und atmete abgehackt und heftig.

Bei den Göttern... seine vorhin noch so atemberaubend kämpferische Luna hatte sich in ein bebendes Häuflein Mensch verwandelt, nur weil er (Idiot!!!) gerade noch in ihrem Beisein die Beherrschung verloren und einen Werwolfkampf vom Zaun gebrochen hatte.

Rahel konnte das gar nicht gewohnt sein. Natürlich erschrak sie da wieder. Zumal sie sich auch gerade erst an den Gedanken gewöhnt hatte das es Werwölfe überhaupt gab.

Wie tief konnte er denn eigentlich noch sinken?

Und es war auch Sonnenklar, warum sie nun Schläge von ihm fürchtete.
Er hatte sie ihr doch vorgestern noch selbst angedroht.
- Eine absolut lehre Drohung, wie sie jeder Wolf ab und zu an seine Mate richtete, wenn diese den Partner ärgerte, aber das wusste Rahel ja nicht. Konnte es doch gar nicht wissen.

Scheiße!

So entspannt wie sie die letzten zwei Tagen gewesen war, hatte er es auch glatt vergessen ihr zu Beichten, das ein Werwolf sich tatsächlich lieber selbst verstümmeln würde, als seiner Mate körperlich zu schaden.

Statt dessen hatte er nun aber wohl ihrer Seele geschadet.

Toll gemacht, Alpha... wirklich... ganz wunderbar!, knurrte er sich innerlich selbst grollend an und scheinbar grollte er auch nach außen hin, weil sie nämlich gerade wieder ihre tränenverhangenen Augen aufriss und ängstlich zu ihm hoch starrte.

So riesengroße Augen.

Er war versucht sie kurz zu Bannen um ihr einen Kuss zu rauben, doch zuerst musste er ihr diese Angst nehmen.
Alleine sie so zu sehen, schlotternd und bebend vor Furcht war ihm gerade unerträglich.

Aristo, seinen Vorgänger, hätte es an seiner Statt mit Sicherheit Freude bereitet seine Luna so niedergemacht, klein und eingeschüchtert zu sehen. Er war ein Sadist gewesen.

Ihm aber war die starke, mutig kämpfende und mit ihm streitende Rahel tausend Mal lieber.

"Na, dann mach schon!", forderte sie mit einem mal schrill aufbrausend von ihm.
"Das Warten macht es auch nicht besser. Aber ich warne dich, Werwolf... Wenn meine Hand wieder heil ist kriegst du alles was du mir tust doppelt und dreifach zurück!", drohte sie ihm mit einem Anflug von Trotz in der Stimme.

Ihr Mut war gerade von ganz alleine zurückgekehrt. Den Göttern sei Dank, seufzte Dared innerlich erleichtert auf.

Behutsam hob er eine Hand an ihre Wange und umfasste sachte ihr Kinn. Fest genug dass sie sich nicht sofort losreißen konnte aber auch nicht so hart, dass es Druckstellen hinterlassen hätte.
"Meine Luna droht mir?", fragte er sie sanft klingend.
Ein zittriger Schauer erfasste sie wieder und sie sog mit kurz leicht bitter verzerrtem Gesicht ganz tief die Luft ein, bevor sie den Kopf schüttelte. "Ich bin nicht deine Luna!", behauptete sie schließlich wieder einmal störrisch.

"Nur weil du dich noch nicht verwandelt hast...?", spöttelte er sanft. "Denkst du denn wirklich darauf warte ich jetzt noch, nur um dich in wenigen Wochen dann bei deinem Titel zu nennen?
Denkst du denn auch das Rudel wartet noch darauf? Du hast es heute doch allen schon sehr deutlich gemacht, Rahel, wer und was du jetzt bist.

Nach deiner indirekten Anklage vorhin habe ich meinem Beta und Tic den Befehl gegeben selbst gegen mich vorzugehen, wenn das was ich tue dir so sehr schadet, wie meine grobe Einmischung in deine Krankenversorgung."

Sie schüttelte nur wieder den Kopf und er beschloss deutlicher zu werden, schließlich war sie wirklich nicht als eine Wölfin geboren worden und kannte keine Scherze oder lehren Drohungen, die solche sofort erkannt hätten.

"Rahel... das was eine Luna ausmacht ist ihr ungebrochener Kampfgeist, wie auch ein Sinn für Gerechtigkeit.

Du beschützt Mathias bereits vor mir, auch Dennis und sogar meine Mahmen, wenn sie mich reizen.
Und im Moment reizt mich tatsächlich alles, weil ich gerade erst vor wenigen Tagen meine Mate gefunden habe.
Doch ist sie ein Mensch und kein Wolf.
Dich zu schützen vor Gefahren die du noch nicht einmal erkennen kannst, weil du sie nicht spürst oder wittern kannst, ist gerade meine wichtigste Aufgabe.

Vielleicht übertreibe ich dabei ein wenig...", gestand er ihr leise zu.

"Vielleicht?", schnaubte sie nur wieder zittrig und er strich ihr sachte über die blutroten, herrlich vollen Lippen, in ihrem ansonsten viel zu bleichen Gesicht.

"Ich möchte dich küssen..."
Er sagte es, noch bevor es ihm bewusst war und ihre gerunzelte Stirn verriet ihre neuerliche Verwirrung.

"Mich ...küssen?", fragte sie ihn endlich atemlos und immer noch reichlich zittrig klingend.

Er nickte nur ernsthaft und strich wieder über ihre bleiche, zarte Haut.
"Mehr als alles andere auf der Welt.", flüsterte er rau und beugte sich langsam tiefer zu ihr runter.

Sie sah ihn nur wieder groß an und öffnete wie um zu protestieren ihren Mund, doch rasch legte er seinen großen Finger darauf, um sie davon abzuhalten ihn abzuweisen.

"Gestatte es mir, Rahel.", bat er sie noch sanfter flüstern und legte seine andere Hand nun wie zufällig auf ihren Nacken, um ihn sachte zu streicheln.

Er wusste das dieser Teil ihres Körpers besonders empfindlich auf seine Berührungen reagierte und richtig: sie errötete sanft und ihre Augen schienen nun sogar noch größer zu werden, als zuvor. So unglaubliche Augen.
Alleine ihr Anblick berauschte ihn und machte ihn leichtsinnig.

"Gestatte es mir... meine Mate.
Meine wunderschöne, mutige Rahel..." , drängte er sie erneut ganz sanft klingend.
"Dann hast du bei mir auch einen Wunsch frei und ganz egal was es ist... außer dich gehen zu lassen, natürlich, denn das kann ich nicht mehr... ich werde ihn dir erfüllen! Für nur einen... kleinen... Kuss ", versprach er ihr hauchleise und nur noch wenige Zentimeter von ihren Lippen entfernt...

Rahel fühlte seinen Atem auf ihrem Gesicht. Seine Haut unter ihren Fingern.
Seine Bartstoppeln kratzten sachte an ihrer Hand entlang und an ihren Fingern.

Er sah so unglaublich gut und wild aus, wie er da so tief über sie gebeugt saß.

Seine hellgrauen Augen, mit den silbernen Lichtern darinnen, sahen einfach atemberaubend aus. Erst recht wenn er so sanft blickte wie jetzt gerade.
Er war wirklich der attraktivste junge Mann den sie je gesehen hatte, trotz dass er ein Bad- Boy, ein Werwolf und ein Alpha war.
Wie eine Traumgestalt und doch war er Wirklichkeit.

- Und er wollte er sie Küssen!

"Gestatte es mir, Rahel, dann erfülle ich dir auch einen Wunsch... ganz egal welchen..."

OMG!!!

Er war ihr so nahe...
Sie konnte nicht mehr klar denken...
Die Düsenjets starteten in ihrem Bauch schon wieder durch, als sie ihn blinzelnd und voller ... was auch immer... Sorge, Faszination, Angst, Neugierde, Anspannung, Aufregung... ansah und dann traute sie sich und

nickte.

Seine Augen blitzen freudig auf. Schon hatte er die wenigen Zentimeter zwischen Ihnen überwunden und seine Lippen, so warm und fest, drückten sich ganz zart auf ihre eigenen, die immer noch bebten.

WOW!!!!!
Raketenstart!!!

Kribbelige Hitze schoss durch ihren Leib, angefangen an ihrem Mund. Als hätte sie gerade eben der Blitz getroffen, stöhnte sie kieksend auf.

Sie vergrub spontan ihre Finger in seinem zerzausten Haar, um sich irgendwo festzuhalten, während sie das Gefühl hatte abzuheben.
Er öffnete nun sogar auch noch die Lippen, strich mit seiner Zungenspitze über ihre Unterlippe, forschend, lockend, ...erfahren.

Oh Gott, ja!
Er wusste genau was er da tat.

Sie schmolz in seinen starken Armen dahin und bemerkte noch nicht einmal, dass er sie vom Bett angehoben hatte, dass er mit einer seiner großen Hände ihren Hinterkopf stützte,  während er nun knurrend den Kuss vertiefte.

War das irrre!!!!!!!!

Sie wollte ihn an sich zerren, nie wieder los lassen.
Wie geil war das denn?
Und davor hatte sie solche Angst gehabt...?!

Da klopfte es plötzlich leise an die Tür.

"Dared?" Es war Mahmen.
Trotzdem sah Dared nun extrem finster knurrend die Tür an, während Rahel sich nun hastig von ihm  löste und fast schon versuchte sich unter der Bettdecke zu verstecken.
Sie waren erwischt worden!

Gott, wie peinlich!!!

"Dared...!? Rahel muss jetzt zur Schule, wenn sie nicht zu spät kommen soll.
...Hört ihr mich?", fragte Mahmen erneut so zögernd und klopfte noch einmal an.

Dared atmete verärgert knurrend durch und sah finster zu ihr hin.
"Schule?", fragte er sie schließlich gedehnt brummend, so als wollte er sie zum Gegenteil bewegen.

Rahel wusste kurz nicht ob sie nun kreischen, lachen oder weinen sollte. Doch wenigstens begann ihr Hirn wieder zu arbeiten und sie nickte hastig.
"Schule...! Unbedingt. ", grinste sie schließlich sogar beinahe schon prustend auflachend, weil er grollend aufstand und sie sich beschwingt aufsetzte, während sie ihm das Kissen an den Kopf warf.

Verwirrt sah er ihr zu wie sie ihr rotkariertes Holzfäller-Hemd über das schwarze Shirt zog und zwei drei Mal über ihre Haare bürstete, bevor sie hüpfend in ihre Schuhe schlüpfte und sich dabei immer noch einen abgrinste.

"Kannst du mir mal sagen weshalb du nun so fröhlich bist, bei der Aussicht gleich wieder in die Schule zu kommen?
Vorhin hast du dich doch noch  bei mir beschwert..?", fragte er sie einerseits verwirrt und andererseits belustigt.

Doch das verging ihm ganz schnell wieder, als sie kichernd auflachte und ihm spottend eine lange Nase zeigte.

"Da hattest du mich ja noch nicht geküsst.", grinste sie mit schalkhaft aufblitzenden Augen.
Seine leuchteten ebenfalls wieder auf und kam leise knurrend auf sie zu."

"Na gut. Wenn du meinst dass du es nun doch wieder ertragen kannst, nur weil ich dich geküsst habe... Aber mach dich schon mal darauf gefasst, dass ich heute besonders eifersüchtig sein werde.", brummte er schulterzuckend.

Rahel grinste nur noch breiter und wedelte mit dem Zeigefinger vor seinem Gesicht herum.
"A-A-A, goßer, böser Werwolf! Du darfst mich ab sofort nur noch zur Schule bringen und nachher abholen, wenn du willst.
Ansonsten hältst du dich komplett von der Schule, den Schülern und Lehrern während der Unterrichts- und Pausenzeit fern!", freute sie sich diebisch über sein nun unglaublich langes Gesicht.

"Was???", blaffte er sie auch sofort höchst aufgebracht an.
"Kuss gegen Wunsch! Alles das was ich will, hast du gesagt! Erinnerst du dich noch, Alpha? Ein Wort ist ein Wort!", lachte sie ihn herzlich aus und griff nach ihren Büchern.

"Scheiße!", knurrte er nur noch wie vom Donner gerührt auf und sah ihr, sich nun höchst frustriert die Haare raufend, hinterher als sie nun laut und fröhlich lachend die Treppe runter hopste.

"Komm schon, Alpha! Oder soll mich etwa dein Beta zur Schule fahren?!", rief sie noch aus dem ersten Stock hinauf und lachte, bis sie beide in der Schule angekommen waren und er wieder ganz alleine mit saurem Gesicht losfahren musste.

Eins zu Null für die Mate, grinste sie sich eins.

 

*

 

Sie hätte nicht gedacht dass er sich wirklich die ganze Zeit über fern halten würde.
Doch er tat es.

Erstaunlich, was ein irrer Kuss so alles bewirken konnte.

Die Menschenfraktion der Schüler und Lehrer starrten sie heute dann auch total sprachlos an. Frau Meier, ihre provisorische Mathelehrerin fragte sie noch vor der Stunde sichtlich nervös, ob der Alpha denn bald wieder mit dazukommen würde und auch die Mitschülerinnen tuschelten ziemlich und glotzten sie groß an, weil sich heute weder der Alpha noch sein Beta, noch sonst ein Wächterwolf blicken ließ.

Ihre Tischnachbarin, die sich ihr leise, als die kleine Schwester vom Tic, Sebastian, vorstellte und Kara hieß, lehnte sich denn auch zum ersten Mal überhaupt zu ihr rüber und fragte sie, was alle Anderen am liebsten auch gefragt hätten: "Sag mal, wo sind die denn heute alle, Luna?"
Sie fasste es nicht als Rahel daraufhin nur ahnungslos die Schultern hob.

Rahel vermutete aber insgeheim, dass es eine eher schlechte Idee war einem Werwolf-Mädchen aus dem Rudel zu verraten, dass sie ihre Freiheit in der Schule gegen einen Kuss eingetauscht hatte.

Und irgendwie wurde sie außerdem das Gefühl nicht los, trotzdem die ganze Zeit über beobachtet zu werden.
Von draußen.

Trotzdem sah sie heute niemanden
und es war auch für die Lehrer eine erhebliche Erleichterung, ganz normalen Unterricht zu machen, anstatt sich dauernd auf Rahel und Dared zu konzentrieren.

Frau Hebig schließlich ermahnte sie in Geschichte, kurz vor der Pause dann tatsächlich bitte aufzupassen und nicht dauernd aus dem Fenster nach den nicht anwesenden Wölfen zu schauen.

Normalität!
Hach, tat das Gut!

Sie lächelte sich eins, was aber wiederum bei der Lehrerin falsch ankam und zu einiger Empörung über ihr gerade frech erscheinendes Verhalten führte.

"Finden sie meine Ermahnung etwa lustig, Frau Degenhard?", fragte Frau Hebig sie verschnupft.

"Nein, ganz im Gegenteil. Ich warte nur auf ihre inhaltliche Frage für mich, um Ihnen zu beweisen dass ich sehr wohl aufgepasst habe, Frau Hebig. Ich kam Multitasking.", gab sie freundlich zurück.

Das misstrauische Glotzen der Lehrerin verging ihr rasch, als sie ihr tatsächlich drei Fragen zum eben erläuterten Thema der Hunnenkriege und Atila insbesondere gestellt und ausführliche und tatsächlich auch korrekte Antworten von Rahel dazu erhalten hatte.

"Sehr gut, Frau Degenhard. Nun gut. Schauen sie meinetwegen weiter aus dem Fenster, solange sie meinem Unterricht folgen können. Ich bin schon sehr auf ihre Klausur zum Thema gespannt. Nun... machen wir weiter...", wandte sie sich dann wieder dem Unterricht zu.

Bis zur Pause hatte Rahel ihr selbstverständlich noch zwei weitere Fangfragen freundlich lächelnd beantwortet und folgte den Anderen schließlich raus auf den Pausenhof und ging dann aber weiter in den Schulpark hinein, um sich dort auf ihre gewohnte Bank zu setzen

Immer noch schleppte sie all ihre Bücher und Hefte und den Kugelschreiber lose mit sich mit. Essen oder Trinken hatte sie auch nicht dabei, doch das war nicht weiter schlimm.

Ein paar Sonnenstrahlen hatten sich hinter den Wolken hervor geschoben und sie schloss die Ruhe genießend die Augen.
Die dichten Hecken dämpften den Geräuschpegel der Schüler vom Schulhof doch ganz erheblich und das satte rot und gelb der Blätter an Bäumen und Büschen, das sich nun unter den sanften Strahlen der Oktobersonne entwickelt hatte, war unvorstellbar schön. Es machte das ansonsten leicht gammelige äußere Erscheinungsbild des Parks gemütlich, ja sogar beinahe verwunschen.

Heute war alles beinahe wieder normal. Die Jungs flirteten mit den Mädchen und es gab sogar eine männliche Pausenaufsicht.
Herrlich...

"Rahel?", fragte jemand sie plötzlich zurückhaltend.
- Ein Junge!?

Rahel öffnete nur überrascht die Augen und sah den vollkommen grün und blau geschlagenen Beta Dennis vor sich stehen.
( Ach du lieeeebe Güte!!! Scheiße nee!!!!)
- Mit einem nagelneuem Rucksack in ihren Lieblingsfarben lila und schwarz in der Hand.
(Was wollte der denn mit sowas???)

Hastig schluckte sie jeden Fluch gegen Dared, der ihr gerade auf der Zunge lag, herunter und konzentrierte sich mal eben auf das wesentliche:
"War mir schon klar das Dared mich nicht komplett alleine hier in der Schule lernen lässt. Ich hatte es auch erst gar nicht für möglich gehalten, dass er sein Wort hält... also, dass er wirklich nicht herkommt, während ich Schule habe. - Was gibt's denn?", setzte sie sich innerlich gequält seufzend gerade hin, ohne dabei aber den Rucksack näher anzusehen.

Der war vermutlich für seine Schwester bestimmt, oder die vom Tic oder... sonst wen.
So einen ganz Ähnlichen Rucksack trug auch gerade ihre bescheuerte Cousine auf dem Buckel spazieren. War schon echt herb das jetzt so vorgehalten zu bekommen.

"Rahel, ich will dich nicht stören oder in Dareds Auftrag bevormunden. Aber er schickt mich hiermit zu dir. Er hat nämlich bemerkt dass du immer deine Bücher und Hefte ohne jede Tasche rumschleppen musst und auch in deinem Zeug hast du keinen Schulrucksack. Also hat er dich mal auf Facebook gesucht und da Bilder von dir und anderen Mädchen gefunden.
Auf einigen davon hast du so einen hier dabei gehabt. Also dachte er, der Rucksack gefällt dir vielleicht.", reichte er ihr das gute Teil zu und Rahel sah ihn benommen an.

"Dared... hat mir einen Schulrucksack gekauft?", fragte sie schließlich noch mal nach.

Dennis lief leicht rosa an.
"Friss mich jetzt bitte nicht, Luna. Ich ahne was du von solchen Gesten hältst. Du hast ja auch schon äußerst klar gemacht dass du die Hilfe des Rudels nicht brauchst.
Aber Dared ist nun dein Mate und er schenkt dir gerne alles das was du dir wünschst oder gebrauchen kannst, solange bis die rechtlichen Dinge zwischen dir und dem Alpha geklärt sind und du selbst die Kontrolle über euer gemeinsames Vermögen erhältst, natürlich.
Dann kannst du mit der Schwarzen No-Limit-Card losziehen, die er dir gerade beantragt hat und dir selbst kaufen was immer du haben willst.

"No-Limit-Card?", fragte sie ihn verblüfft.
Dennis grinste nur schwach und nickte bestätigend.
"Dared ist sehr reich, falls dir das etwas bedeutet und vielleicht etwas über den Schock hinwegtröstet bald ein Werwolfmädchen zu sein.
Das ganze Rudel ist es sogar.

Dareds Vater haben die meisten Häuser im Ort gehört, weil sein Vater und Großvater diese für die Menschen, die herkommen und siedeln wollten gebaut haben.
Schließlich mussten sie ihnen etwas bieten, um im Gegenzug ihre Treue und Verschwiegenheit dem Rudel gegenüber zu erlangen.
Sie hatten sie auf Lebenszeit an die Arbeiter in ihren Fabriken vermietet, wie auch Dared heute. Für einen lächerlichen Spottpreis von 200€ im Monat inklusive Nebenkosten wie Strom, Wasser und Wärme.
Seine eigene Mutter ist selbst auch eine Tochter eines solchen Arbeiters gewesen.
Aber weil beide Betas nicht vorhatten unsere Menschenfreunde zukünftig auszunehmen und die Tradition des Schutzes zu wahren hat unser alter Alpha Dareds Vater umgebracht und wollte auch ihn töten.
Weil er immer schon scharf auf noch mehr Geld war.
Er hatte sogar die Vermessenheit letztes Jahr beim Mate-Ball Dareds Schwester an das Taunus-Rudel zu verkaufen.
Da war das Maß dann endgültig voll. Für uns alle.
Ich bin heilfroh das Dared Aristo und seine verkommene Brut Hakon getötet hat.
Selbst wenn du es jetzt vielleicht noch grausam findest... Er hatte wirklich keine Wahl, um unser Rudel zu retten und wir folgen ihm  gerne.
Denn auch finanziell geht es dem Rudel nun erheblich besser.
Er hat alles Vermögen, das er nach Aristos Tod als Alpha geerbt hat, für uns alle zugänglich gemacht.
"Geerbt...", wiederholte Rahel nur erneut ganz leise, fast schon benommen und Dennis zuckte leicht grinsend mit den Schultern.

"So lautet nun mal das Rudelgesetz.
Wenn von einer Familie in unserem Rudel keiner mehr da ist oder aus rudelrechtlichen Gründen verstoßen wurde, fällt dessen gesamter Besitz an den Alpha.
Und Dared ist immer sehr großzügig zu uns allen. Auch zu dir, wenn du ihn lässt und ihm deine Wünsche oder Bedürfnisse nennst.", erklärte er ihr noch kurz und lächelte ganz kurz und schwach.

Rahel wagte es kaum ihn noch mal anzusehen.

Was er ihr da sagte war schon nicht zu fassen. Vor allem aber nach heute Morgen.
Dared hatte sie sicherlich alle ganz grausig zugerichtet. Die Spuren an Dennis waren immer noch überdeutlich zu sehen. Er war grün und blaugeschlagen, der Ärmste, und kam trotzdem her, um ihr freundlich wie immer einen Rucksack für Ihre Bücher zu bringen.
Oh Mann, ey!!!

Sie schämte sich so.
Denn sie hatte ihm ja diesen Kampf regelrecht befohlen... na ja, mehr oder weniger.

"Gott Dennis... Es tut mir furchtbar Leid dass ich euch vorhin gegen euren Alpha aufgehetzt habe. Ich habe nicht gedacht dass er dann gleich so... brutal zu euch werden würde, nur weil ich euch gebeten habe ihn raus vors Haus zu bringen.
Ich... ich wollte doch auch nur das der Doc die Gelegenheit hat sich meinen Verband noch mal kurz ohne Dareds Tobsucht anzusehen.
Nicht dass die Wunde sich noch entzündet. Aber... er hat ihn so seltsam angesehen. Da wusste ich, gleich kommt der böse Wolf mit den Glühaugen wieder raus und er hat sich schon beim letzten Mal nur sehr schlecht von Mathias ablenken lassen...", plapperte sie nun wirklich unglücklich vor sich hin, während sie den Reißverschluss des Rucksackes aufzog und ihr Zeug und ihre Bücher darin verstaute.

"Luna!", unterbrach Dennis sie nur wieder ernsthaft und sie sah ihn reichlich verzagt an.
"Es ist nicht nötig sich um einen Werwolf zu sorgen. Das wirst du aber schon bald selber feststellen können. Wir Kämpfen jeden Tag, ob nun im Ernst oder aus Spaß.
Denn unsere Wunden heilen schnell und was für das Rudel tatsächlich immer zuerst zählt ist das Wohlbefinden des Alpha und seiner Luna.

Alles andere ist nebensächlich, denn darum kümmert ihr beide euch ja schon. Du und auch Dared.", nickte er noch einmal bekräftigend als sie ihn zweifelnd ansah.

Da kam auf einmal Frau Eberlein über den Rasen angerannt und keuchte aufgeregt:

"Rahel! - Wie gut dass ich dich gefunden habe. Du musst bitte sofort mit ins Sekretariat kommen! Dein Onkel ist da und will dich abholen... jetzt sofort!!!