Der Rest des Nachmittages verlief eigentlich ganz ruhig.

Rahel war nach diesem unglaublichen Schauspiel vor dem Fenster nur still zurück ins Bett gegangen, hatte sich still hingelegt und still vor sich hin gegrübelt.

Selbst als Dared mit einem Essenstablett wiederkam hatte sie ihn nur stirnrunzelnd angesehen und sich vorzustellen versucht wie er wohl als Wolf aussehen würde.
Die anderen waren schon so riesig groß... aber er deren Anführer... brrrrr!
Vermutlich noch mal einen halben Meter größer?!

Zugleich mit dieser Vorstellung gingen ihr viele Geschichten durch den Kopf die früher mal irgendwer geschrieben und die sie gelesen hatte.

Auf Mystery-Sachen hatte sie ja mal voll gestanden. Auch auf Vampirbücher und -Filme und Feen und Hexen und all so was.
Aber hier und jetzt... geschah unglaubliches. Sie war ein realer Teil dieser realen Geschichte.

Oh Mann, hätte sie nicht die gebrochene Hand und den Verband an der Stirn, könnte sie sich direkt einbilden zu Träumen oder?

Geistesabwesend rührte sie in der Suppenschale herum und schaute einmal mehr zu dem Bogenförmigen Fenster hinüber.

Es gab also Werwölfe...
Einer davon hatte sie im Park angeknurrt und Meins und Mate gesagt.
Hier aber nannten sie sie plötzlich Luna.
Und so sehr es ihr auch widerstrebte,
Der Wolfstyp namens Dared kam dauernd wieder in ihr Zimmer rein.
Um das erste Tablett zu holen, dann mit einer Tüte Chips, fünfzehn Minuten später mit einer Mädchenzeitschrift, wieder zwanzig Minuten Später mit einem IPot und Kopfhörern... zum Abschalten, hatte er lächelnd gemeint.
Dann dreißig Minuten später mit dem nächsten Essenstablett und der Suppe, weil sie von den Steak nur wenig gegessen hatte und jetzt...?
Sie sah auf ihre Armbanduhr. Eine goldene Micky-Maus Uhr die ihr Vater ihr im Disneyland vorletztes Jahr gekauft hatte. Sie hatte sie lange nicht getragen, doch nach dem Tod ihrer Eltern...
Nein lieber nicht dran denken.

Sowieso hatte ihre Cousine ihre bessere teure Uhr von Swarovski in rotgold und die von ihrer Mutter in silber behalten.
Diese Assis hatten einfach alles an sich gerissen...

"Keinen Appetit?", fragte Dared sie plötzlich leise und sie sah verwundert, dass er schon wieder neben ihr auf dem Bett saß.

Rahel blinzelte verwirrt auf ihre Suppe runter und sah dann erst wieder schüchtern zu ihm auf.
"Ich... ähm... " Sie schüttelte schließlich nur den Kopf und legte den Löffel bei Seite, hörte ihn leise knurren, genau so wie einen echten Wolf.

Sofort zog sie den Kopf zwischen die Schultern ein und er verstummte augenblicklich. Gerade hatte er noch das Tablett genommen, nun stellte er es auf den Boden und ergriff ihre rechte Hand.
Sie zuckte zusammen und sah ihn erbleichend an. Wagte es aber nicht sie unter seiner weg zu ziehen.

"Sag mir warum du auf einmal so schüchtern tust, Rahel? Das bist du doch gar nicht, erinnerst du dich? Es raucht, wenn ich mich nicht von dir fern halte?", fragte er sie wieder nur milde lächelnd, doch sie sah nur stirnrunzelnd zur anderes Seite hin und schüttelte irgendwas murmelnd den Kopf.

Da seufzte er und ließ ihre Hand wieder los, schnappte sich das Tablett mit einer Hand und ging wieder raus.

Erleichtert aber auch seltsam unzufrieden mit sich selbst schüttelte sie nur wieder den Kopf legte sich zurück in die weichen Kissen und schloss die Augen.

Sie meinte immer noch seine Finger auf ihrer Hand zu spüren. Seine Haut war wärmer als ihre. Viel wärmer sogar.
Und es hatte sich auch überraschend gut und richtig angefühlt als er sie berührte.

Gerade war er viel netter zu ihr und gar nicht mehr so abgedreht, wie vorhin in der Schule.
Ihr Herz schlug allerdings immer noch viel zu heftig und sie errötete nur bei dem Gedanken an ihn, seine unglaublichen Augen, sein gut aussehendes Gesicht und seine starken Muskeln.

Fing es jetzt also schon an?
Die Verwandlung zum Werwolf?, fragte sie sich verzagt.

Und war das denn überhaupt noch so beängstigend für sie, angesichts der Tatsache das Dared vorhin angekündigt hatte sie jetzt schon aus den geldgierigen Klauen ihrer Verwandten zu befreien?
Konnte er das überhaupt?

Sie hatte ihrem Onkel nur einmal mit dem Anwalt ihres Vaters gedroht, als er ihr Taschengeld das ihr monatlich auf ihr Konto gezahlt wurde abgenommen hatte, da hatte er sie nach Strich und Faden verprügelt. Sie war einfach viel zu überrascht gewesen, um sich zu wehren.
Später dann hätte man sie zwei Wochen lang in den Keller eingesperrt, bis die meisten Flecke nicht mehr zu sehen gewesen waren.

Alleine bei der Erinnerung daran begann sie schon wieder zu zittern.
Sie wollte die vier am Liebsten nie mehr wieder sehen.

Verwirrt kaute sie auf ihrer Unterlippe herum.

Dared würde das sicher nicht zulassen, dass man sie so zusammen schlug, oder?
Er war ein Werwolf.
Er war stark. Er konnte es also locker mit Onkel Harald aufnehmen, oder?

Heute Mittag zumindest hatte er noch behauptet dass es ihre Bestimmung wäre seine Luna zu sein und seine Bestimmung sie für immer und ewig zu beschützen.
Also auch vor ihrem Onkel?

Wenn sie nun also mitspielte und seine Luna war, nicht mehr protestierte und tja... eine Weile die Füße still hielt, könnte sie aus dieser Vormundschaft vielleicht entkommen, die sie gerade noch für vier mal im Jahr nach Hause zwang... wo sie wie Geier auf sie warteten, um sie erneut nieder zu machen und zu quälen, bis sie mit ihnen zur Bank fuhr und ihr Taschengeldkonto plünderte, den Sachbearbeiter um mehr Geld aus dem Fonds für irgendwas erfundenes bat, neues Handy, Laptop, Drucker ... ein Auto, für den Onkel damit der mit seiner Familie herumdüsen konnte, bezahlt mit ihrem Erbe...

Sie hatte die Tür wieder nicht gehört aber dafür nun Dareds lauten Ruf: "Mathias!"
Schon saß er wieder an ihrem Bett und sie hörte eine Flasche zischend aufgehen.
Blinzelnd sah sie zu ihm auf.

"Hey nur die Ruhe. Du bist krebsrot im Gesicht. Besser du trinkst mal was, Rahel. Kann sein dass du gerade Fieber bekommst.", sagte er besorgt und hielt ihr die Flasche an den Mund die sie auch sofort zur Hälfte Exte.

"Scheiße. Du schwitzt ziemlich, oder? Ist dir zu warm?", brummelte er besorgt und berührte sachte ihre Wange und ihren Hals.

"Bin schon da!", kam der Arzt wieder zur Tür herein gestürmt und öffnete bereits seine Tasche.

"Sie ist ganz rot, und schwitzt...!", sorgte sich Dared nun ganz offensichtlich und sah den Arzt vorwurfsvoll an.
"Ist schon gut. Ich bin okay.", flüsterte Rahel nur leise und ließ sich aber von dem Rudelarzt in die Augen leuchten und in den Hals. Kurz betastete er die Stelle an der Dared sie gebissen hatte.
"Tut die Wunde weh, Luna... ich meine Rahel?", verbesserte der Doc sich rasch und sie schüttelte nur stirnrunzelnd den Kopf.
"Ich hab... gerade nur an was unschönes gedacht, das ist alles.
Dabei gehe ich immer gleich vor Zorn an die Decke. Ich... ich bin aber soweit okay, Danke.", sah die nur kurz zu Dared und dann wieder zu dem Arzt hin, der nur ernsthaft nickte.

"Du stehst wohl immer noch leicht unter Schock, was aber auch kein Wunder ist, bei diesen Ereignissen heute.
Es muss dir alles sehr seltsam vorkommen. Aber du brauchst wirklich nichts zu fürchten. Schon gar nicht den Alpha. Ich glaube er würde sich eher von seinem rechten Arm trennen als dir weh zu tun.
Sonst ...hätte er es schließlich auch schon längst getan, nach deinen Schlägen, vorhin.
Weißt du, dass kam ein Wolf nämlich wirklich nicht ab. Er geht sofort in die Luft wenn man ihn angreift und wird richtig wild.

Du kannst also von Glück sagen dass die Mate einem Werwolf heilig ist, Rahel.
Und er kann von Glück sagen, dass er es für dich nicht ist. Denn er braucht eine bissige und aufbrausende Gefährtin an seiner Seite. Mach einfach nur so weiter. Deine Art ist wirklich ganz wunderbar. Vor allem für ein so junges Menschenmädchen.", erklärte er ihr fast schon bewundernd.

"Bist du jetzt fertig !", knurrte Dared den Doc da plötzlich wieder bedrohlich finster und auch warnend an.
Rahel sah dass er vermutlich kurz vor großer-böser-Wolf stand und rutschte schon mal vorsorglich ein paar Zentimeter von der Bettkante weg.
Doch dem Doc schien das gerade gar nicht so aufzufallen.

"Sie braucht ein wenig Zuspruch Dared und wenn sie mag etwas Schokolade. Das löst den Schock.", zwinkerte er ihr noch mal kurz zu, doch damit hatte er den Wolf geradewegs über die Klinge geschubst!

Rahel zuckte heftig zusammen, hörte Dared aber eigentlich nur unglaublich laut Knurren. Schon hielt er den Arzt an der Gurgel gepackt und rammte ihn hart gegen die nächste Wand.

"Meine Mate!", grollte er bösartig los und Rahel sah erschrocken zu wie seine Augen sich nun ritzerot verfärbten, während er die gerade aus seinem noch menschlichen Mund hervorspringendem Reißzähne fletschte...

OMG!!!!

Er würde ihn umbringen!!!

Dared würde seinen Rudelarzt und Freund Mathias tatsächlich umbringen, nur weil der ihr eben ganz kurz Zugezwinkert hatte?!?
Hier vor ihren Augen?
....!!!!!

Noch ehe sie sich zurückhalten konnte und bevor der Arzt gleich blau statt gerade lila angelaufen sein würde, sprang sie aus dem Bett, rannte zu Dared hin und tippte den horrend laut auf knurrenden Werwolf-Alpha sachte mit dem Zeigefinger auf den Rücken, der vor Zorn gerade mächtig bebte.

Sein Kopf wandte sich daraufhin ganz, ganz langsam zu ihr um.
Wer schon mal den Terminator gesehen hatte wusste wie Rahel gerade der Arsch auf Grundeis ging, beim Anblick seiner ( Ach du lieeeeber Gott!!! ) dämonisch rot leuchtenden Augen.

Er knurrte nur irgendetwas dass sich wie "Mate" oder "Meine" anhörte und Rahel rang sich rasch ein absolut unechtes und hochgekünsteltes, megabreites Lächeln ab.
"Äh ... t'schuldigung bitte... wenn ich dich Störe... äh... ", suchte sie fieberhaft nach einer Erklärung für ihn.
Warum zum Teufel hatte sie ihn
Gerade unterbrochen? Wiesowiesowieso?
Scheiße!!!
"Äh... also... der Rudeldoc da, den du gerade am Killen bist... der äh... hat doch gerade eben noch was von... (schluck)... von Schokolade gesagt, oder?", fragte sie ihn bebend und bekam riesengroße Augen, als Dared kurz wieder zu dem zappelnden Mathias hinblickte... Und ihn dann aber einfach nur bei Seite schleuderte, bevor er sich noch gefährlicher knurrend und immer noch mit Glühaugen zu ihr umwandte.
(Doppelschluck! Hilfe!!!)
Was nun?
Was konnte diesen Monsterwolf nun aufhalten, mit ihr gleich das Selbe zu tun wie mit Mathias?
-Plappern!!!
Kerle hassten doch plappernde Tussis... oder?
ODER???

"Ja ...äh... weißt du... ich wollte dich ja gerade echt nicht stören bei... deiner Aktion und ... und so, aber .... Ich liebe Schokolade!", grinste sie nun wie eine Doofe, lachte keuchend auf und nickte heftig dazu, während sie ganz langsam rückwärts zum Bett zurückwich... und er ihr ebenso langsam folgte, immer noch knurrend wie ein entlaufener Höllendämon.
"Ja... ich meins ernst, Dared... ganz Ehrlich! Schokolade... hmmm... so was von lecker, nicht?
Geht nichts besseres drüber... äh... Hast du zufällig welche da, ... ja? Kannst du mir welche holen? Für ...mich? ... äh... Bitte?", versuchte sie es mit einem weiteren zittrigen Lächeln und stieß auf einmal mit den Knien gegen die Bettkante.

Überrascht ruderte sie mit den Armen, verlor das Gleichgewicht und fand sich dann aber unvermittelt an Dared gepresst wieder, der ihren Sturz abgefangen und sie mit einem Ruck fest an sich gezogen hatte.

Sein Gesicht vergrub er an ihrem Hals, gleich oberhalb der Bisswunde, und er schnupperte, tief ihren Duft in sich einsaugend, an ihrer Haut, während seine Arme und Hände sie umschlossen ... Aber nicht etwa brutal hart, wie sie eigentlich gedacht hätte, von einem Werwolf mit Glühaugen, sondern sachte und zärtlich. So sanft als würde er gerade eine Schneeflocke in seinen riesigen Händen halten.

"Oh .... Mann!", umarmte sie ihn ebenfalls ganz vorsichtig und mega zittrig und hoffte nur dass Mathias sich gerade aus dem Staub machte, wenn sie hier schon ihre eigenen Kehle für den Idioten hinhielt.

"Meine...", knurrte Dared da auf einmal wieder leise an ihrem Hals und seufzte laut stöhnend auf. "Du bist nur meine Mate! Keiner darf dich ansehen... keiner! Nur meine...", hörte sie ihn seufzend flüstern.

Okaaaay? Das war schon irgendwie schräg.

"Oh... okay ... schon gut!? Äh... Dared?", tippte sie ihn wieder ganz leicht an der Schulter an, weil es ihr gerade wirklich zu seltsam und schummerig und ... eben UND zumute wurde.

"Lass mich los!", bat sie ihn heiser flüsternd, beinahe schon wimmernd.
Da spürte sie seinen Mund plötzlich hauchzart über ihren Hals hinab wandern.
"Du hast so zarte Haut...", flüsterte er heiser und hauchte auch noch ganz kleine getupfte Küsse darauf, die Rahel nun aber so was von kirre machten.
Das waren schon keine Schmetterlinge mehr in ihrem Bauch, das waren Düsenjets!

"Dared!!!", keuchte sie laut nach Luft schnappend, da hob er sie auf einmal sachte auf die Arme und sah schwer Atem auf sie runter.
Seine Augen glühten nicht mehr... sein Blick war besorgt aber klar.
Oh Gott sei Dank!

"Danke dass du mich gerade wieder runter geholt hast.", flüsterte er ihr leise zu. "Mathias steht bei dir ab sofort in einer Lebensschuld.
Denn keiner flirtet mit dir, meine süße, mutige Mate, außer ich. Ich bin nämlich ebenso dein Mate.", stellte er ernsthaft fest und sie blickte nur zaghaft und besorgt, was er denn jetzt wieder mit ihr machen würde, zu ihm auf.

Er schaute kurz ein Bisschen besorgt und legte sie vorsichtig zurück auf das Bett, strich ihr die wirren Haare hinter die Ohren zurück und lächelte seltsam lieb auf sie runter.
"Ich weiß wirklich nicht was du da so besonderes an dir hast, Rahel aber ich weiß jetzt schon dass ich ohne dich nicht mehr weiterleben kann!", flüsterte er heiser klingend und strich mit den Fingerspitzen ganz zart nur über ihre Unterlippe.

OMG!!!
Die Düsenjets kamen im Sturzflug zurück.
Sie rang heftig nach Atem und hob nun ebenfalls die Hand an sein Gesicht, das ihrem immer näher kam.

Sie wollte, musste gegen ihn drücken...
Ihn wegschieben...
Nein ihn streicheln. Er sah gerade so verloren und verletzlich aus.
Sie wollte ihn einfach nur noch an sich ziehen und seinen Mund auf ihren Lippen spüren, ihn festhalten...

BIST DU VERRÜCKT???
DER WAHNSINNIGE TYP DA HAT DICH GERADE VORHIN ERST ENTFÜHRT!!!!

In aller letzter Sekunde, kurz bevor ihre Münder sich treffen konnten rang sie einmal erstickt nach Atem, den die bis eben wohl angehalten hatte und sagte das Erstbeste was ihr in den Sinn kam:

"Schokolade bitte!!!"

 

*

 

 

Heute war schon der dritte Tag, seid sie hergeschleift worden war.

Recht vergnügt saß Rahel am großen Esstisch und mümmelte das schokoladigste Schokomüslie aller Zeiten vor sich hin.
Sowieso wurde sie gerade mit Schokolade regelrecht überhäuft, seid vorgestern Abend.

Sie musste immer wieder leise loslachen, wenn sie an das verdutzte Gesicht von Dared zurück dachte.

Ausgerechnet Schokolade!
Warum zum Geier war ihr denn nichts besseres als das eingefallen?

Aber sie hatte danach sowieso nur hochnotpeinlich berührt und gepresst atmend, mit sorgenvoll verzogenem, von ihm abgewandtem Gesicht dagelegen und auf seine vermutlich ärgerliche/ wütende/ aufbrausende oder aber spöttische Reaktion gewartet.

Ganz zu schweigen davon, dass sie sich nun andauernd vorstellte wie er ihren Kopf doch noch sachte anfassend wieder zu sich rum gedreht und sie doch noch geküsst haben könnte...

Hatte er aber nicht.

Leider oder Gott sei Dank?!?!?
Das konnte sie immer noch nicht klar entscheiden.
Statt dessen war er von ihr zurückgezuckt und hatte hart durchgeatmet.

"Schokolade?", hatte er sie so unglaublich tief klingend gefragt und sie (!!!Feigling!!!) hatte ihn nur wieder schwach grinsend wie ein Blödi angesehen und heftig genickt.

Sofort war er auf den Beinen gewesen.
"Ach ja... klar. Hat Mathias ja vorhin gesagt nicht wahr? ... Gegen... den Schock, genau! ....Und du magst... Schokolade ja so gerne... ist okay... sorry!", stammelte er irgendwie total süß verwirrt und sie nickte wieder nur ganz heftig und atmete dann erst mal ganz tief durch, als er wie ein frisch angestochener Luftballon, nur knurrend statt zischend aus der Tür raus raste...

... und ihr dann nur Minuten später seine Mutter mit einer Tasse heißer Schokolade mit Sahnehaube, einer großen Tafel Schokolade mit Mandel-Karamell-Füllung und einer angebrochenen Pralinenschachtel mit Nussnougat-Schokolade zu ihr hochschickte.

Derweil hörte sie unten den Motor eines Sportwagens (der sich später noch als Porsche 911 Turbo S Exclusive Series in silber/matt herausstellen sollte) laut aufheulen, und Mahmen, wie der Werwolf-Alpha seine Mutter nannte und sie auch von Rahel genannt werden wollte, erklärter ihr lachend,  er wollte nur schnell die Geschäfte lehr kaufen gehen, weil seine junge Mate Schokolade so sehr liebte.

Mahmen hatte sich dann auch noch in Mathias' Namen bei ihr für ihr Eingreifen bedankt.
Seither hatte die den Rudelarzt aber nicht wieder gesehen.

Doch sie dürfte immerhin seid gestern wieder zur Schule gehen...
Tja... mit dem Alpha und seinem Rudel als Bodyguards mit auf dem Gelände, versteht sich.

Kein Junge sah auch nur mal ganz kurz in ihre Richtung. Ja, der Direktor hatte sogar hastig eine reine Mädchenklasse zusammengewürfelt, um den Alpha dieses Rudels, der Schwarzwald-Devils, bloß nicht zu  verärgern.

Denn so tuschelten ihre Mitschülerinnen die sie gerade entweder heftig bemitleideten oder aber eifersüchtig betrachteten, weil sie nämlich tatsächlich auch echte Werwölfe waren,  dauernd über Dareds angebliche Grausamkeit.

Alleine ihr gebrochener Arm und der Verband am Kopf sprachen ihrer Meinung nach Bände.

Die Menschenmädchen bemitleideten sie deshalb noch heftiger und die Wolfsmädchen lächelten verächtlich, weil sie sie für viel zu Schwach hielten, um eine ordentliche Luna zu sein.

Rahel kümmerte sich derweil um keine der beiden Fraktionen.
Seid ihre Eltern tot und ihre Verwandten in Mutters Haus eingefallen waren ging es ihr nicht mehr so gut wie jetzt gerade.

Zum Beispiel brauchte die nur über etwas zu reden... Ein besonderes Shampoo, dass sie früher immer gerne genommen hatte, weil es gut gerochen hatte oder besondere Jeans, die ihre Mutter mal für sie gekauft hatte, ein Buch oder einen Film, die sie gut fand... und auf einmal war das alles da.
Wie ein Wunschkonzert war das,
Ihr Vater hätte nur aufgestöhnt über so viel Verwöhnerei. Aber ihr gefiehl's soweit ganz gut.

Und Dared blieb auch noch auf Abstand.
Na ja zumindest weitgehend.
Einmal waren die sich gestern Morgen auf der Treppe begegnet, da hatte er sie ganz lieb lächelnd angesehen ... und dann schwups auf die Arme gehoben und runter getragen, bis zum Esstisch, wo das Frühstück auf sie gewartet hatte - Eier und Speck, mjam!
Ihr Herz hatte dabei aber mal wieder wie verrückt geschlagen, dass sie schon dachte, er würde es hören können und deshalb zur Rede stellen. Aber er hatte sie nur abgesetzt und war gegangen. - Puh!

Ein anderes Mal wollte sie draußen frische Luft schnappen und war rausgegangen.
Da stand auf einmal ein wahres Monster von einem silber-grauen Wolf vor ihr und sah die mit seinen ebenso silberfarbenen Augen abwartend und total ruhig an.

Noch bevor sie sich hatte fragen können welcher Gestaltwandler das denn nun war (obwohl sie es natürlich schon geahnt hatte), verwandelte er sich auch schon in Dared und stand nun halbnackt mit bloßer Brust und bloßen Füßen, einem traumhaft durchtrainierten Körper mit Waschbrettbauch und muskulösen Armen vor ihr.
WOW...

Er hatte sogar ein schwarzes cooles Tatoo dass ihm rechts über Arm und Körperseite runter lief. Sah aus wie Flammenzungen.... auf den ersten Blick zumindest.
Doch das stellte sich bei näherem Betrachten als überdecktes schweres Narbengewebe heraus.

"Ach du...! Was ist denn mit dir passiert?", hatte sie ihn bestürzt gefragt.
"Wo hast du  nur all diese furchtbaren Narben her?", war sie unwillkürlich zu ihm hingelaufen um ihn besorgt zu betrachten.

Er grinste verschmitzt und hielt ihr schlicht den Arm hin, dass sie ihn näher betrachten konnte.
"Das sind meine Alphanarben!", hatte er ihr stolz erklärt.

Inzwischen wusste Rahel aus dem Buch der Werwölfe, das Mia ihr gegeben hatte, dass Alphanarben nur im Kampf um die Rudelherrschaft entstanden, wenn ein Beta einen Alpha herausforderte und tatsächlich gewann - und den Alpha dabei tötete!

Eigentlich, so hatte es auch dort gestanden, war es eher unmöglich dass ein Beta gegen einen Alpha kämpfte und dadurch dann zu einem solchen mutierte.
Ein Alpha wurde eigentlich immer nur als solcher geboren, als Kind eines Alphas und war darum auch viel größer, stärker und schneller als es andere Rudelmitglieder sein konnten.

Doch kam es unter bestimmten Voraussetzungen vor, dass das ganze Rudel sich gegen den Alpha stellte, aufgrund abscheulicher und nicht hinnehmbarer oder zu entschuldigender Taten, wie zum Beispiel Mord ohne gerechten Grund, Kanibalismus oder heimtückischer Verrat seiner eigenen Leute an einen Feind des Rudels, wodurch Rudelmitglieder dann verletzt wurden oder starben.

Gestern als Dared ihr das erzählt hatte, dass er seinen Vorgänger getötet hatte, hatte sie nichts mehr weiter dazu zu sagen gewusst außer:
"Muss ja ein echt brutaler Kampf gewesen sein."
Er hatte nur lächelnd genickt und Rahel hatte nicht wiederstehen können eine der leicht erhabenen Narben auf seinem Arm mit den Fingerspitzen nachzuzeichnen.

Nicht dass diese ihn heute noch irgendwie behindern konnten, oh nein.
Diese Narben blieben nämlich alle nur rein oberflächlich erhalten, durch diese besondere Tinte, die ganz frisch zubereitet auf die noch offenen Wunden des ehemaligen Beta und nun Alpha aufgetragen worden war.
Wo das Fleisch und die Haut unversehrt geblieben war wusch sich die Farbe gleich nach dem Schluss der Wunden von alleine wieder ab und auch in den Muskeln blieb nichts davon zurück.

Wahnsinn!!!

Werwölfe hatten nämlich auch noch besondere Heilkräfte.
Wunden die für Menschen tödlich waren konnten Sie problemlos wegstecken und liefen schon ein paar Tage später wieder wie neu geboren herum.

Deshalb hatte Mathias auch so dreist behauptet nach Vollmond währe ihr Arm gleich wieder gut.
Die erste echte Verwandlung eines gebissenen Menschen geschah beim nächsten Vollmond und ab da würde dann auch ihr Körper über diese besonderen Heilkräfte verfügen.

Oh Mann!
Konnte sie sich das überhaupt vorstellen?
- Sie? Ein echter Wolf?
Das war schon irgendwie schräg, fand sie reichlich mulmig fühlend aber auch seltsam fasziniert.
Dared strotzte ja auch nur so vor Gesundheit, trotz seiner Narben und als Rahel schließlich zu ihm aufblickte lächelte er sanft auf sie herab.

"Gefällt dir was du siehst?", fragte er sie samten und weich klingend. Das Grollen aus seiner Kehle wirkte gerade nicht sehr bedrohlich, sondern anziehend und doch trat Rahel lieber wieder einen Schritt von ihm zurück und räusperte dich leicht errötend.

"Du... siehst sehr stark aus.", wich sie schließlich einer direkten Antwort aus, doch scheinbar war das gerade das ultimative Kompliment an ihn gewesen, denn er strahlte danach mit der Sonne um die Wette.

"Darauf kannst du dich verlassen, meine Mate!", hatte er sie noch ganz sanft klingend angeknurrt und sie war hastig zurück ins Haus hinein geflohen unter seinen eindringlichen Blicken.

Tja... und da saß sie nun seid gestern rum und las immer weiter in dem Werwolfschmöker, was die Rudel waren, wo sie lebten, von den Fünf Schulen für junge Werwölfe in Deutschland und im Gebiet lebende, eingeweihte Menschen, die friedlich in den jeweiligen Territorien zusammen lebten und eine Art Symbiose mit den Gestaltwandlern bildeten.
Es gab ein Rudel im Kellerwald, eins in der Röhn, eins im Schwarzwald (also hier), eins im Bayrischen Wald und eins im Taunus.

Die Rudel bildeten in den Gemeinden in denen sie lebten immer so eine Art Adel, sorgten für allgemeinen Wohlstand und Arbeitsplätze, für alle die sich ihren Regeln beugten und die waren:

1. Wer hier lebte, zur Schule ging, weiblich oder männlich, war dazu verpflichtet ab dem sechzehnten bis zum achtzehnten Lebensjahr an den Mate-Bällen teilzunehmen, die einmal im Jahr im Herbst stattfanden.
Nur Alphas und ihre Lunas nahmen an allen vier Bällen Teil mit jeweils einem ausgewählten Teil ihres Rudels dass auf Mate-Suche war, wie auch den besten Wächtern.

2. Wer als Mate eines Wolfes gefunden wurde musste fortan bei ihm wohnen, wurde von ihm möglichst schmerzfrei markiert, dass hieß gebissen und damit innerhalb eines Monats zu einem Werwolf gemacht.

3. Kein anderer Wolf durfte sich dem markierten Mädchen oder Jungen nähern, mit ihm oder ihr flirten und sie oder ihn auch nur anlächeln, wenn ihr Gefährte dies nicht  gestattete, sonst käme es bald schon zum Kampf. - Galt vor allem für die Mates von Alphas.

4. Ein Mensch hatte sich in den ersten Lebenswochen als Werwolf ihrem Mate unterzuordnen und zu lernen mit dem Rudel zu laufen und den gedanklichen Werwolf-Link zu nutzen.

5. Weibliche Menschenmate mussten nicht kämpfen lernen, doch wenn sie es taten kämpften sie nicht in Wolfsgestalt und es war auch ihren Kontrahenten oder Feinden bei Androhung einer Verbannung verboten diese in Wolfsgestalt zu verletzen.

(Ein Glück!)

6. Ein Mate tat alles um einen Kampf zu verhindern der zwischen den Rudeln  ausbrechen konnte, wenn es zum Beispiel um verbale Beleidigungen ging.
Diese nicht auszusprechen und / oder zu Überhören war Gesetz, denn zu den Mate-Bällen trafen sich auch verfeindete Rudel auf neutralem Boden und dürften erst drei Tage nach dem Ball, außerhalb menschlicher Ortschaften wieder miteinander kämpfen.

7. Wenn ein Mate starb, starb auch der Gefährte -  im selben Augenblick.
Dies zu akzeptieren war Gesetz.
Es gab nur seltene Ausnahmen: Wenn das Junge einer Wölfin sie brauchte, weil zu klein, zu schwach oder verletzt.
Dann konnte die Liebe zu dem Jungen den Tod überwinden.

"Puh!"

Rahel klappte das Buch wieder zu, löffelte weiter ihr Schokomüslie und dachte mit leichtem Grausen daran was Mahmen ihr heute Morgen erst erzählt hatte:

Am kommenden Sonntag war der diesjährige
Mate-Ball des Schwarzwald-Rudels.
Und sie musste ihn mit Dared zusammen eröffnen... als seine Luna!
Sie hatte noch nie in ihrem Leben außerhalb einer Disco getanzt.

Also mit nur einem Wort gesagt: Scheiße!