Halbblut - Black Raven Kapitel 7

Abbygail lag bebend unter der Decke und versuchte wieder einzuschlafen.

Es war mitten in der Nacht.

Der Mond stand nun schon hoch oben, silbern schimmernd am Himmel und sie wäre gerne hinaus gegangen, wie immer, wenn sie so unruhig wach lag.

Doch sie konnte es diesmal wirklich nicht.

Ihr tat alles weh, die Schultern der Rücken, die Arme und auch die Beine. Sogar ihr Po fühlte sich vom gestrigen, stundenlangen Sitzen auf diesem harten Kutschsitz und dem ritt zur Farm wund an, obwohl sie das den Tag über erfolgreich verdrängt hatte. Sie versuchte vorsichtig ihr Gewicht zu verlagern und
sich anders hinzulegen, um die Schmerzen besser ertragen zu können, doch es funktionierte nicht.

Ihre Muskeln protestierten schon bei der kleinsten

Bewegung.

Sie schluchzte leise auf und biss sich gleich darauf fest auf die Faust.

Sie dürfte Rave nicht aufwecken, der so ruhig und still

neben ihr lag und schlief.

Er hatte einen harten Tag gehabt und musste morgen bestimmt wieder genauso früh raus wie heute.

Doch es war zu spät. Sie hörte ihn plötzlich leise aufseufzen und sich zu ihr umdrehen.

Sie versteifte sich sogleich wieder und kniff ihre Augen ganz fest zusammen.

Wollte er sie etwa jetzt noch nehmen? Weil sie ja ohne-hin wach lag? Beinahe hätte sie laut aufgestöhnt bei dem Gedanken, konnte es jedoch gerade noch unterdrücken.

Es war im Grunde egal was er von ihr wollte. Sie musste ihm gehorchen. Er war nun mal ihr Ehemann, und er war gut zu ihr. Er schlug sie nicht, gab ihr ein warmes Bett, ein Dach über dem Kopf und genug zu Essen.

Was konnte man denn bitte mehr erwarten?

Das Wenigste was sie tun konnte, war ihm seinen Schlaf zu lassen. Also musste sie aufhören sich herumzurollen und aufhören zu stöhnen. Es würde wieder besser werden. Es dauerte eben nur ein paar Tage.

Einige Minuten vergingen, ohne das etwas geschah. Sie

lag ganz still und lauschte in die Stille hinter sich. Schließlich entspannte Abbygail sich wieder ein wenig.

Vielleicht war er ja gleich wieder eingeschlafen. Vielleicht würde er sie ja gar nicht wollen, wenn sie nun still liegen blieb, sich nicht rührte, ihn nicht störte.

Doch sein unregelmäßiger Atem verriet ihr, das er noch immer wach war, und sie wusste instinktiv, dass er sie ganz genau beobachtete, trotz der Dunkelheit.

Abbygail erschauerte bei dem Gedanken, drehte sich endlich doch wieder zu ihm um und schlug die Augen auf.

Sein Blick traf den ihren, obwohl sein Gesicht halb im Schatten der Nacht verborgen lag.

Abbygail rechnete schon insgeheim mit einer Strafpre-digt, weil sie ihn absichtlich wach hielt, doch er sagte kein Wort, setzte sich nur wortlos aufrecht hin und begann mit seinen großen rauen Händen ihre Schulten, den Rücken und die Arme durchzukneten. Sie zitterte wie Espenlaub vor Schmerz und Müdigkeit.

Es tut mir leid, dass ich dich gestört habe...“, wisperte sie heiser. „Ich... oh... Es geht schon... uhh... Rave, es geht schon wieder. Ich bin nur...“

Total verkrampft und mit den Kräften am Ende.“, beendete er knurrig ihren Satz. „Lass locker und versuche gleichmäßig zu atmen. Den Rest erledige ich, Weib.“

Welchen Rest denn?, hätte Abby ihn beinahe gefragt, doch er schwieg schon wieder und seine Hände glitten über die schmerzhaften Knoten in ihrem Rücken hinweg, so dass Abby kurz den Atem anhalten musste, um nicht qualvoll aber ebenso genüsslich aufzustöhnen.

Er machte einfach weiter, Minute um Minute.

Nach und nach gingen die Schmerzen in ganz andere

Gefühle über.

Das war so unglaublich gut, was er da mit ihr tat. Es

begann zu kribbeln und ihr Körper erwärmte sich unter seinen Händen. Sie wünschte sich fast, dass er ewig so weitergemacht hätte.

Irgendwann schließlich beendete Rave sein Tun und strich ihr noch ein paar mal ganz sanft über das lose
herab fallende Haar, vom Scheitel bis zur Taille.
Abbygail erschauderte und hielt ganz still.

Es war so tröstlich und beruhigend und zugleich aufregend, ihn so zu spüren.

Schlaf jetzt Frau.“, befahl er schließlich grollend und seine harte Stimme erschreckte Abbygail regelrecht, weil sie so im krassen Gegensatz zu seinen sanft streichelnden

Händen standen.

Abbygail seufzte unwillkürlich enttäuscht auf als er seine Hand wieder von ihr zurückzog.

Doch als er sich dann neben sie legte und sie in seine Arme zog, kuschelte sie sich ganz eng an ihn heran. Er war so schön warm...

Ihr Zittern ließ langsam nach.

Sie wurde schläfriger, die Augen viele ihr immer wieder zu.

Bevor sie noch weiter über das seltsame aber sehr schöne Gefühl nachdenken konnte, das Raves Umarmung in ihr auslöste, war sie auch schon wieder eingeschlafen.


Er fuhr am nächsten Morgen wirklich ohne sie davon.

Abbygail sah ihm unbehaglich nach als der voll bepackte Wagen die Straße hinabrumpelte.

Die Sonne stand schon ziemlich weit oben am Himmel.

Sie hatten die wenigen Stunden seit Anbruch des Tages dazu genutzt die fast fertigen Wurstwaren aus dem Keller unter dem Haus hinüber in den geheimen Keller in der Scheune zu bringen. Nur noch das Salz, einige Gemüsegläser, ein wenig frisches Fleisch, der angeschnittenen Schinken und die zum Pökeln oder Räuchern am Nachmittag bereitliegenden, bereits eingeriebenen Schinkenkeulen, waren noch da. Alles andere, Sülze, Würste, Schinken, Mettwurst lagerte nun
drüben in der Scheune.
Rave hatte ihr aufgetragen die Schweine am Mittag, wenn es am heißesten war, zu tränken so wie auch die Pferde und die Milchkuh.

Abbygail aber hatte noch weit mehr als nur das vor.

Sie hatte den Rahm am Morgen von der frischen Milch

abgeschöpft, und in ein nagelneues nie benutztes Butterfass, was sie unter den Lagerbeständen im Keller gefunden hatte, getan.

Sie würde nachher also noch gute Butter stampfen und diese dann zu dem frisch gebackenen Brot reichen, welches bereits auf der Ablange, im Sonnenlicht stand und dort, noch als Teigklos, eine ganze Weile ruhen musste.

Nervös biss sie sich auf die Unterlippe.

Heute hatte sie schon wieder einen Fehler begangen.

Sie hatte Rave vorhin noch gefragt, ob er ein Plätteisen besaß, damit sie seine Hemden und die ziemlich verlottert aussehende Bettwäsche, die bereits im Kessel kochte, nachher noch bügeln konnte.

Sie wusste, es machte nicht besonders viel Sinn seine robusten Arbeitshemden zu plätten, als wäre er ein vornehmer Geschäftsmann und er hatte sie auch gleich dementsprechend finster angesehen.

Sie wusste, es war absurd alles so perfekt wie nur irgend möglich schaffen zu wollen, weil sie keinesfalls perfekt war, das hatte Toby ihr immer und immer wieder eingebläut. Doch sie konnte es doch zumindest versuchen.

Die Wäsche zu plätten wie Mrs. Smith das immer mit der Sonntagskleidung getan hatte, war immerhin ein Schritt in diese Richtung.

Aber er besaß gar kein Plätteisen.

Er hatte vorhin vor der Abfahrt nur gemurmelt, er wolle

ihr eines mitbringen, wenn sie es denn unbedingt bräuchte.

Eine unnötige Ausgabe mehr, wies Abbygail sich selbst scharf zurecht und hatte ihren Fehler wieder gut machen und ihm sagen wollen, er sollte es doch bitte vergessen. Doch er war schon angefahren. Und ihm hinterher zu schreien, wie ein Marktweib, gehörte sich einfach nicht.

Also würde er vermutlich so ein teures Teil besorgen, nur weil sie es so von ihm gefordert hatte.

Gott im Himmel... Abbygail ließ sich unglücklich auf eine Stuhlkante sinken und wischte ihre schweißfeuchten Hände an ihrer Schürze trocken.

Rave konnte gar nicht zufrieden mit ihr sein, wenn sie schon nach zwei Tagen vorlaut wurde und ihm Anweisungen gab, was er für sie einkaufen sollte. Wenn sie ihn des Nachts nicht schlafen ließ und störte. Wenn sie ihre Arbeit nicht zu verrichten imstande war, zu müde, zu schwach war, um lange genug mithalten zu können.

Er hatte es bemerkt. Sie hatte gestern ihr Bestes getan. Hatte versucht so viel Aufgaben wie nur irgend möglich in den Vormittag hineinzustopfen, so wie es auch jetzt ihre Pflicht war. Rasch sprang sie wieder auf und machte sich am Kessel zu schaffen. Holte die Bettwäsche heraus die sie vorhin aus dem Bettkasten genommen und darin eingeweicht und ausgekocht hatte, legte sie mit einem dicken Stock in einen Eimer mit kaltem Wasser, in dem schon das Waschbrett klemmte.

Die nächsten Stunden über schrubbte sie sich beinahe wieder die Finger wund, in ihrem Bemühen die Bettwäsche blitzsauber und absolut fleckenlos zu bekommen.
Dabei dachte sie über ihren seltsamen und wiedersprüchlichen Ehemann nach, den sie da bekommen hatte.

Er hätte sie in der Nacht auch einfach nur anschnauzen

können, anstatt sie so sanft und gütig zu berühren, ihre Haut zu kneten und ihr damit Linderung zu verschaffen. Er hätte sie nicht so fein umsorgen müssen.

Verdammt, sie war es doch die ihn zu umsorgen hatte, die alles richtig machen musste, alles gut. Sie war hier im Westen. Hier verlangte man von Frauen hart zu sein und fleißig und sparsam und genügsam und ... eben alles was der Mann gerne wollte.

Abbygail atmete tief durch, hängte dann die nun wieder fast strahlendweiße Wäsche zum trocknen auf und holte sich eine kleine Handsichel aus der Scheune, die sie gestern im vorbeirennen, dort hatte liegen sehen. Sie würde jetzt das weichere Präriegras schneiden und trocknen lassen und heute Abend würde Rave in einem frisch gestopften Bett liegen, mit süßen Gräsern und frischer Bezugwäsche. Er würde sich daran erfreuen und vielleicht ein wenig darüber hinwegkommen, das sie so schwach und wehleidig und fordernd war.

Genau, machte Abbygail sich selbst ein bisschen Mut.

Sie würde ihm zeigen, das sie doch noch zu etwas taugte und ihm zumindest im Hause den Himmel auf Erden bereiten konnte. Alles und jede Ecke putzen, jedes Stäubchen beseitigen. Seine Stiefel säubern und polieren, bis sie glänzten, ihm aufs Wort gehorchen und auch noch sonst alles für ihn tun, was in ihrer Macht stand. Sie würde sich ihm heute Nacht auch wieder bereitwillig anbieten. Er würde sie dann gewiss nicht mehr ganz so finster ansehen und vielleicht sogar ein wenig mit ihr zufrieden sein.

Er würde weiterhin sanft mit ihr umgehen und sie niemals schlagen... jedenfalls hoffte Abbygail das letzte von ganzem Herzen.

Voller Tatendrang machte sie sich an die schweißtreiben-de Arbeit, rannte zwischendurch ins Haus und buk das Brot im Ofen aus, schnitt dann weiter das Gras und legte es zum trockenen auf dem Boden hinter dem Haus aus, wo es viel Sonne gab. Es war schon von sich aus beinahe trocken und es würde bestimmt nicht lange dauern bis es gänzlich getrocknet war. Sie musste es nur in einer oder zwei Stunden einmal kurz wenden.

Dann entsorgte sie das alte, zum Teil feuchte und weiß- schimmelige Gras aus dem Bettkasten, verbrannte es im Hof, genau dort wo das Lagerfeuer gestern auch keinen Schaden angerichtet hatte, wusch auch den Bettkasten blitzblank aus und stopfte dann so gegen Mittag die Matratzenkissen neu, wobei sie sich nicht an das alte System hielt, das Rave bevorzugt hatte, nämlich einfach das Gras in den Leinensack zu stopfen und diesen dann zuzubinden, sondern etwas neues ausprobierte.

Sie hatte im Bettkasten unter dem Bett mehrere Decken gefunden, wovon sie eine große Decke ausbreitete und diese noch zusätzlich zum Leinen, mit in die Grasmatratze einstopfte, damit die Halme nicht mehr so sehr daraus hervorstechen und den Schlafenden des Nachts pieksen konnten.

Es fühlte sich nun herrlich weich und wunderbar an, ganz ohne Knoten und pieksen, als sie schließlich den Matratzensack zuband und das Bett mit frischen weißen Laken bezog, die fleckenlos leuchteten, statt vorher schmutzig grau oder gar braun vom Schlamm zu sein.

Abbygail legte sich probehalber darauf nieder und lachte gleich darauf verzückt auf. Es fühlte sich in der Tat himmlisch an, ohne alle störenden, schimmelig miefenden Halme, und duftete fast genauso gut wie eine

Sommerwiese.

Lächelnd stand sie wieder auf, als sie plötzlich eine Kutsche auf den Hof vor dem Haus rumpeln hörte. Alarmiert rannte sie zur Tür und schlug diese hastig zu, legte den schweren Riegel vor, rannte dann zum Fenster, wo das Brot zum abkühlen lag und wollte es eben schließen als eine gebräunte Hand vorschoss und sie daran hinderte.

Verdammt... Entschuldigung, Ma`m, wenn ich sie erschreckt hab.“, sagte ein hochgewachsener Cowboy mit ernstem, beinahe harten Gesicht zu ihr. Er war blond und seine langen gewellten Haare waren im Nacken mit einem Lederband zusammengerafft und mehrmals umschlungen worden. Der Stetson sah jedoch brandneu aus, ebenso sein weißes Hemd unter der schwarzen Wildlederweste, das frisch geplättet wirkte.

Ein Städter!

Abbygail geriet fast in Panik vor Angst.

Mein Mann ist nicht da, Mister. Wenn sie Wurst oder Schinken bei ihm kaufen wollen, kommen sie bitte später wieder, - wenn er zurück ist...“

Erschrocken viel ihr ein, dass das fast schon wie eine Einladung zum Selbstbedienen und ausräubern wirkte und korrigierte sich rasch: „ Rave...also, er...er müsste bald auch wieder da sein... Ich erwarte ihn tatsächlich jederzeit zurück.“

Der Cowboy nickte nur und trat vom Fenster weg, jedoch ohne dabei auch seine Hand zurückzuziehen, damit sie das Fenster hätte schließen können.

Abbygail hätte am liebsten angefangen zu heulen und sah sich rasch nach einer Waffe um, mit der sie den ungebetenen Besucher im Notfall abwehren könnte und sah das lange scharfe Fleischermesser im Sonnenlicht aufblitzen. Unauffällig wich sie ein wenig nach links aus, sah dabei weiter mit starrer Miene den Fremden an, der sie seinerseits ausgiebig ja richtiggehend frech musterte.


Eine kleine, graue Maus, dachte Trey bei sich. Und sie hatte tatsächlich schreckliche Angst vor ihm. Doch das war wohl auch kein Wunder nach dem gestrigen Besuch des Bürgermeisters und Predigers. Kurz erwog Trey Hargrave sie über seine gute Freundschaft mit Rave aufzuklären, doch das hätte sie ihm wohl nicht sogleich abgenommen. Rave hatte ihr anscheinend eingeschärft niemandem zu trauen. Gutes Kind!

Sie hielt sich daran. Aber er wollte noch sehen ob auch ein wenig Mut hinter der Fassade der schüchternen, zarten Erscheinung steckte. Seine Milly würde sie sonst demnächst noch bei lebendigem Leibe zum Frühstück verspeisen.

Ma`m, ich kaufe schon seit Jahren bei ihrem Mann ein, - wenn sie denn unbedingt darauf bestehen wollen ihn so zu nennen.“, provozierte er sie absichtlich. „Wollen sie nicht besser in die Stadt hinunter kommen? Sie sehen ganz so aus, als würden sie hier eingesperrt werden. Ich kann ihnen da gerne weiterhelfen. Der Wilde hat keine Chance, wenn wir aufrechten Bürger an ihrer Seite stehen und sie vor ihm beschützen.“
Abbygail hielt vor Entsetzen den Atem an. Also war der Mann tatsächlich einer von diesen Leuten. Rasch griff sie zur Seite und verbarg gleich darauf das Messer in den Falten ihres Rockes. „Mister!“, fauchte sie warnend. „Ich würde es wirklich vorziehen, wenn sie nun gehen würden. Ich habe es schon gestern diesen beiden anderen Männern gesagt... Ich bin Rave Bainbrights Frau und will es auch bleiben, - freiwillig. Und nun gehen sie endlich!“

Er funkelte sie seltsam spöttisch an.

Sie wollen sich tatsächlich an so einen Wilden fortwerfen? Er ist ein halber Indianer... schockiert sie das nicht, Ma`m? Sie als Weiße sollten doch auf jeden Fall darauf bedacht sein, dass sie ihre Ehre nicht mit einem
solchen Bastard wie er es ist beschmutzen...“
Abbygail sah buchstäblich rot. „
Sir, wie können sie es wagen!“, herrschte sie den Cowboy leidenschaftlich an. „Rave Bainbright ist ein guter Mensch und mein Mann... und wenn sie auch noch so schlecht über ihn reden und seinen Ruf in den Schmutz ziehen wollen! Ich bin seine Frau, vor Gott und allen Menschen, auf immer und ewig.

Ich kenne nicht viele Männer mit solcher Ehre wie Rave Bainbright sie hat. Er ist ein Indianer, behaupten sie...! Nun, ich finde er ist zivilisierter als jeder Weiße den ich jemals kennen lernen musste und bei weitem freundlicher, rücksichtsvoller und obendrein auch noch äußerst großzügig.“

Ach er bezahlt sie also für ihre Dienste als Eheweib?“, stichelte Trey munter weiter. Ihm machten ihre Worte großen Spaß.

Abbygail hob daraufhin nur fassungslos das Kinn. „Sie ...Sie beleidigen mich, sie... sie ungehobelter Flegel, sie!Großzügigkeit wird nicht nur auf materielle Weise oder in hartem Gold ausgedrückt, doch davon haben sie anscheinend keine Ahnung, Sir!
Ich bin eine ehrbare, anständige Frau und keine... keine
Solche, wie sie es mir gerade unterstellen. Gehen sie endlich, los! Verschwinden sie von Raves Grund und Boden!“

Trey sah wie sehr sie außer sich war und setzte dennoch einen oben drauf, indem er sich nun provozierend zum Fenster hereinlehnte.

Ach? Und wie wollen sie mich dazu bringen zu gehen, Mrs. Bainbright?“, spottete er heiter.

Abbygail hob am ganzen Leibe zitternd das Messer und stach zu... einfach nur zu, egal wohin.

Trey taumelte überrascht zurück, jedoch nicht schnell genug. Auf seinem Ärmel breitete sich ein roter Blutfleck aus, der ihn sogleich heftig zum Fluchen brachte.

Gleichzeitig viel klappernd das Fenster zu, ebenso die Innenlade aus hartem Holz, der Riegel wurde eiligst vorgeschoben und bleierne Stille breitete sich im Hof aus.

Trey erkannte das er wohl gerade um einiges zu weit gegangen war und fluchte erneut.

Hören sie!“, rief er ihr durch die geschlossene Tür hindurch zu und versuchte mit dem freien Arm seine Wunde notdürftig zu verbinden, indem er den blutigen Ärmel vom Hemd abriss und diesen als Verband benutzte. „Entschuldigen sie bitte, dass ich sie provoziert habe, Ma`m. Wirklich, es tut mir Leid. Ich bin Trey Hargrave, ihr Nachbar und eigentlich auch Raves bester Freund. Ich wollte sie mir nur einmal aus der Nähe ansehen und zugleich herausfinden welche Sorte von Frau sie sind, deshalb habe ich gerade so gesprochen
Ich wollte wissen ob sie Rave vielleicht doch irgendwie schaden oder ihn sogar ausnutzen wollen, anstatt zu ihm zu halten, wie es sich für eine gute Frau gehört...“

Stille.

Hören sie mir bitte zu, Mrs. Bainbright?“, versuchte er es nach ein paar Sekunden erneut. „Es tut mir Leid, dass ich sie so erschreckt habe. Ich gehe jetzt und lasse sie in Frieden. Richten sie Rave bitte meine bestgemeintesten Grüße aus. Ich komme nächste Woche dann noch einmal hier vorbei. - Wenn ich das hier überlebe.“

Stille

Trey wartete noch einen Moment lang, ehe er zurück zu seiner Kutsche wankte und sich ächzend auf den Kutschbock schwang. Seine Frau würde ihm wahrscheinlich die Hölle heiß machen, von Rave ganz zu schweigen, wenn er von dieser Sache erfuhr. Er hatte seine eben erst geheiratete, noch ziemlich junge Frau verärgert und wahrscheinlich sogar überdies noch in Panik versetzt, indem er vorgab ein Städter zu sein, der sie überreden oder gar zwingen wollte von hier fort zu gehen. Sie glaubte ihm ganz sicher kein einziges Wort mehr, was er sagte. ...Scheiße!

Doch das sie ihn mit dem Messer angegriffen hatte verriet nun doch ein wenig Kampfgeist und Stärke in dem kleinen grauen Mäuschen, dass sie zu sein schien, nicht zu vergessen ihre leidenschaftlichen Worte zu Raves Gunsten.

Ihre Augen hatten wütend gefunkelt, sehr lebendig und sehr hübsch...

Ja, entschied Trey allein für sich. Er konnte Raves blinde Wahl durchaus billigen und dessen kleine und angriffslustige Frau an seiner Seite akzeptieren.

Kurz verzerrte sich sein Gesicht als hätte er Zahnschmer-zen.

Wahrscheinlich werde ich aber noch heute abend Be-such von einem sehr wütenden Indianer auf dem Kriegs-pfad bekommen!“, überlegte Trey leise aufseufzend.

Am besten er ließ sich vor dem neuerlichen Kampf erst einmal von seiner Milly verarzten, bevor Rave dann nachher noch mit ihm den Fußboden aufwischen würde.


*


Abby stand hinter der Tür und zitterte, hielt das Messer krampfhaft fest und konnte sich nicht bewegen. Sie hatte einen Menschen verletzt. Sie hatte mit einem Messer einen Mann aus der Stadt angegriffen und verwundet.

Er war wütend gewesen, hatte geflucht und dann allerlei dummes Zeug von sich gegeben, von wegen er wäre im Grunde Raves Freund. Für wie blöd hielt man sie hier eigentlich?

Gott, wenn nur ihre Hände nicht so zittern würden.

Er war bestimmt schon seit einer Stunde fort und immer noch wartete sie auf den erneuten Angriff, wartete und hielt sich bereit. Sie hatte den Tisch vor die Tür gerückt, damit der Kerl diese nicht so leicht eintreten konnte. Sie hatte die Tür zum Keller geöffnet, um hinunterzuschlüpfen, wenn den Städtern einfallen sollte Feuer zu legen.

Unten hätte sie bessere Überlebenschancen, als hier oben.

Himmel, wo blieb denn nur Rave?

Abbygail atmete gepresst und presste kurz die brennenden Augen zusammen. Ihre Haut war inzwischen scheißfeucht vor lauter Angst. Sie konnte sogar kaum noch das Messer in den zitternden Händen halten.

Erneut drangen nun Pferd und Wagengeräusche an ihr

Ohr.

Sie kamen zurück... oh Gott im Himmel, sie kamen wirklich zurück, um sie zu holen... Rave... Gott, wo blieb nur Rave? Gleich darauf vernahm sie schwere Schritte die direkt vor der Tür endeten.

Abbygail?“

Abbygail hielt vor lauter Panik den Atem an. War das nicht Rave? Oder ...nein... war das vielleicht doch eher eine Falle? Sie konnte sich nicht sicher sein.

Die Stimme klang gar nicht brummig, eher ...alarmiert vielleicht. Waren es mehrere, verteilten sie sich nun rund um's Haus herum?

Abbygail umfasste das Messer wieder fester, ihr Herz klopfte zum zerspringen. Dann wollte sie zur Seite ausweichen, um dort vorsichtig aus dem Fenster zu spähen.

Doch etwas, ...oder besser gesagt jemand..., krachte hart gegen die Tür. Der Riegel zersprang wie ein Streichholz. Der Tisch wurde von der Wucht beiseitegeschoben und im nächsten Moment drängte sich Rave zornschnaubend durch die Tür hindurch. Abbygail hielt das Messer hoch über ihrem Kopf, bereit zuzustechen. Entsetzt starrten sie einander nur an. Dann wurde Raves Miene ganz ruhig und er musterte sie intensiv von oben bis unten.

Ich glaube gegen mich brauchst du das Messer nicht zu erheben, Abby!“, knurrte er reichlich atemlos.

Abbygail zitterte am ganzen Leib, sah wie betäubt zu ihrer gehobenen Hand und dem blitzenden blutfleckigen Messer und ließ dann dieses ganz langsam sinken.

Gott... oh Gott!“, flüsterte sie verstört und sank taumelnd gegen die Wand.

Rave schob den Tisch weiter zur Seite und kam

mehrmals tief durchatmend auf sie zu.

Was ist passiert?“, fragte er seltsam rau, als er vor ihr stand und griff sachte nach dem Messer, um es ihren tauben Fingern zu entwenden, bemerkte sehr wohl das Blut an der Klinge, unterdrückte den aufwallenden Zorn und legte es dann rasch beiseite. Abbygail atmete immer noch zitternd aus und ein, und schluchzte schließlich leise auf, unfähig sich zu bewegen. Rave war da... Er war wieder da.

Gott sei Dank!“, wimmerte sie erbebend. „ Da... da kam ein Mann gefahren, Rave, als du weg warst. Ich hörte ihn nicht... hörte ihn nicht kommen, weil ich beschäftigt war, ich meine... erst im letzten Augenblick hörte ich ihn, als er auf den Hof fuhr. Ich schloss gerade noch rechtzeitig die Tür, doch er kam zum Fenster hin und hielt es auf. Ich... wollte es schließen, doch... Er... Er sagte so gemeine Dinge... Er dachte ich ... er sagte du.... wärst ein... ein Halbblut und ich sollte doch besser mit ihm gehen, in die Stadt...“, Abby unterbrach sich und atmete mehrmals tief durch. Rave sah sie nur ausdruckslos an doch seine Hände ballten sich unbewusst zu harten Fäusten. Sie schluckte hörbar und sah Rave verzweifelt an. „Er wollte das ich in die Stadt mitkomme. Er wollte das ich mit ihm komme, Rave! Ich habe ihm gesagt das er gehen soll, aber er ist nicht gegangen. Er ...hat das Fenster offengehalten, Rave.

Erneut sah sie zum Messer hin. Ihr Gesicht war wachsbleich, die Augen riesengroß vor Furcht.

Er wollte nicht gehen, es war nicht absichtlich, ich wollte es nicht, doch er... er wollte einfach seine Hand nicht zurückziehen. Er hielt das Fenster auf und sagte weiter irgendwelche Sachen, ich wurde so wütend... und hatte Angst, dass er reinkommt, das er nicht mehr weggeht und mich zwingt mitzukommen...“

Innerlich erstarrte Rafe zu Eis.

Ist er hereingekommen?“, fragte er wild knurrend und ergriff erneut das Messer und warf es dann plötzlich mit aller Kraft quer durch den Raum, das es in einer Holzbohle, über dem Ofen schwingend, halb versenkt stecken blieb.

Abby sah ihn fassungslos an und schüttelte nur den Kopf, doch Rave riss sie an den Schultern zu sich heran und schüttelte sie leicht.

Sag mir endlich was genau passiert ist, Abby!“, forderte er rau.

Abby brach in Tränen aus und warf sich so plötzlich schutzsuchend an seine Brust, das Rave mit ihr im Arm zurücktaumelte.

Sei nicht böse... bitte sei nicht böse, Rave. Ich hab das doch nicht gewollt.“

Was hast du nicht gewollt? So rede doch endlich Weib. Was ist hier geschehen?“, knurrte Rave am Ende seiner Geduld, hielt sie aber tröstend sanft im Arm und strich über ihren zarten bebenden Rücken.

Ich ...habe ihn verletzt!“, stammelte Abbygail leise. „Rave, ich hab ihn wirklich verletzt. Er wollte das Fenster nicht loslassen, wollte nicht weggehen, da hab ich mit dem Messer zugestochen. Ich hatte solche Angst das er reinkommt. ...Er ist weggetaumelt, ich weiß nicht mal, wo ich ihn genau verletzt habe und wie schlimm es ist, aber er hat fürchterlich geflucht. ...Und nachher... nachher, als ich das Fenster dann schnell zugemacht hatte, behauptete er auch noch ... behauptete er, er wäre eigentlich dein Freund und es täte ihm leid, dass er mich erschreckt hat. Er wollte mich ...prüfen, ...sagte er, glaub ich... ob ich denn gut für dich wäre oder nicht... oder so ähnlich. Ich weiß es nicht mehr ganz genau. Ich hatte doch solche Angst, dass er reinkommt, dass er jetzt andere Leute herholt, die mich wegbringen... in die Stadt, oder ins Gefängnis. Ich schob den Tisch vor die Tür und wartete...wartete einfach und hab mir gesagt das ich das Messer wieder benutzen kann, das ich... - das schaffe. Das ich hier sein will, wenn du heim kommst. Du solltest nicht glauben... solltest nicht glauben, das ich einfach so weggehe, weil du doch ein Indianer bist, oder halb... es ist mir wirklich ganz egal. - Es ist mir egal.

Du bist ein guter Mensch u...und ein wirklich guter Mann. Das habe ich dem Kerl vorhin auch gesagt, aber er hat nur gespottet...“

Sie schniefte leise auf und vergrub das Gesicht an seiner Brust, bevor sie weitersprach, diesmal gedämpfter, durch seine Brust.

Dann hörte ich deine Kutsche draußen vorfahren. Die Pferde schnauben... Ich dachte jetzt sind sie wieder da. Noch mehr Leute... jetzt kommen sie rein und nehmen mich mit... Beinahe wäre ich eben auch noch auf dich losgegangen, mit dem Messer in der Hand... Gott im Himmel, steh mir bei! Ich will das nie wieder tun.

Ich hasse Waffen. Mir ist ganz übel... das viele Blut... Was ist, wenn der Sheriff herkommt und mich verhaftet, weil ich den Mann angegriffen habe? Ich habe noch nie zuvor jemanden verletzt.“

Rave hielt sie einfach nur fest, während sie an seiner Brust schluchzte, zitterte und weinte. Dabei fühlte er eine solche innere Kälte, wie noch nie in seinem Leben. Als es eben gerade dort draußen so still gewesen war und sie ihm nicht geantwortet hatte, hatte er schon gedacht sie wäre tatsächlich von ihm fortgegangen.

Weil er ihr weh getan hatte.

Weil er sie viel zu hart arbeiten ließ und sie das einfach nicht alles bewältigen konnte, was er ihr auflud, noch zusätzlich zu all der Hausarbeit.

Doch das sie sich selbst mit dem Messer verteidigt hatte, um bei ihm zu bleiben, hätte er ihr nicht zugetraut.

Seine Finger krallten sich schon beinahe in ihr seidiges,

halbwegs aufgelöstes Haar. Ihre Beine gaben so plötzlich unter ihr nach, das Rave zusammen mit ihr zu Boden gehen musste, um sie weiter im Arm halten zu können.

Sie schluchzte immer noch erstickt, wobei sie aber immer wieder versuchte es mit der Hand zu ersticken, sich die Tränen fortzuwischen.

Es tut mir leid... es tut mir so leid!“, wisperte sie immer wieder heiser. „Ich bin so kindisch... ich war erschrocken, konnte mich nicht bewegen, konnte nicht denken und hab immer nur darauf gelauscht, ob sie wiederkommen, anstatt meine Arbeit zu machen, wie vorher. Ich ...Ich hab nicht mal deine Stimme erkannt, so war ich in Panik! Ich hab den Keller aufgemacht. Ich dachte sie brennen das Haus vielleicht nieder, wenn sie wieder kommen und nicht rein können.“

Rave knurrte nur erneut leise auf, dann aber schob er den Arm unter Abbygails Knie und zog sie auf seinen Schoß.

Hör mir zu...“, forderte er leise doch vor Wut zitternd. Abbygail verstummte sofort und sah ihn aus weit
aufgerissenen, stark geröteten Augen heraus an. „Sag mir, wie der Mistkerl ausgesehen hat, der hier bei dir war. Sag mir verdammt noch mal wer das war? Ich will den Namen von dem Bastard, Abby, wenn du ihn kennst. Hat er sich dir vorgestellt?“

Abby zuckte unter seinem Zorn kurz zusammen, dann aber nickte sie zögernd.

Ich weiß nicht ob das wirklich sein Name war oder

nicht, er sagte es erst später, nachdem ich ihn verletzt hatte... Ray... oder Trey... Hargrive, glaub ich.“, brachte sie leise heraus.

Rave versteifte sich von Kopf bis Fuß und wurde leichenblass unter seiner tiefen Bräune.

Was?“, grunzte er heiser. „Bist du dir da wirklich ganz

sicher?“

Abbygail nickte zögernd.

Ich weiß aber nicht ob er das wirklich war, ich kenne die Leute hier ja noch nicht, ich weiß nicht wie sie aussehen und so weiter. Doch er ...war blond, ganz hell und... und so lange Haare, bis über die Schultern, im Nacken mit einem Lederband umwickelt, ein teuerer Stetson, ganz schwarz, mit einem geflochtenen braunem Lederband drum herum, ein weißes, gut geplättetes Hemd...“

Schwarze Weste mit einem kleinen, unauffälligen, türkisfarbenen Stein am Halsausschnitt!“, beendete Rave ihre Erzählung tonlos.

Abbygail nickte nur zustimmend und ließ erleichtert den Kopf an seine Brust sinken. „Du kennst ihn wirklich?“, fragte sie sehr leise.

Rave nickte nur grimmig und knurrte erneut etwas, dass sie nicht verstand. Dann aber, stand er plötzlich auf und half ihr rüde auf die Beine.
„Du hast vor ihm nichts böses zu befürchten... vor allem
nicht mehr, wenn ich erst mit ihm fertig bin!“, knurrte er sie zornig an. „Er ist in der Tat mein Nachbar, ich dachte sogar er wäre mein
Freund. Ich weiß nicht, wieso er dich so in Angst und Schrecken versetzt hat, doch das finden wir auf der Stelle raus! - Komm mit!“

Er zerrte sie förmlich hinter sich her, aus dem Haus zum Wagen, der mitsamt der Pferde immer noch draußen stand, setzte Abbygail mit einem Schwung oben neben dem Kutschbock ab und schwang sich neben sie. Die Leinen klatschten zischend auf die Hinterteile, der beiden braunen Zugpferde und er trieb sie in einen rasenden Galopp vom Hof, pfiff und feuerte sie lautstark an.

Abbygail hatte große Mühe sich festzuhalten und

erzitterte schon wieder vor Angst, als die Kutsche mit rasantem Tempo die erste Kurve nahm. Was bedeutete das alles nur?

Die Pferde donnerten den mit Schlaglöchern übersehnte Weg entlang und mehr als einmal dachte sie, ihr wären nun sämtliche Knochen im Leibe gebrochen worden. Sie verlor schon wieder jedes Zeitgefühl, doch dann endlich kam ein weiteres Farmgebäude in Sicht.

Zwei große Scheunen und mehrere große Korall’s mit wunderschönen Pferden oder grobknochigen Rindern darinnen, schlossen sich dem an.

Rave hielt mit kreischender Bremse vor dem Farmhaus und sprang mit einem Satz von der Kutsche hinab.

HARGRAVE!“, brüllte er zornig und baute sich vor dem Farmhaus auf, wie ein Revolverheld, der bereit war gleich seine Waffe aus dem Halfter zu ziehen.

19.4.18 21:22, kommentieren

Sorry!

Habe Kapitel 6 und 7 vertauscht! Hab das eben korrigiert! Und Kapitel 8 dazu gebloggt. Viel zu lesen Leute. Also bis morgen!

19.4.18 21:17, kommentieren