Halbblut - Black Raven Kapitel 9

Die Sonne war bereits untergegangen als Rave wieder auf den Hof fuhr.

Schweigend half er Abbygail vom Kutschbock hinab und schirrte wortlos die Pferde aus, während sie ebenso wortlos hinein rannte, den Tisch wieder an die Rechte Stelle rückte, die Stühle ordentlich aufstellte – wobei sie den zerstörten Stohl in die Ecke brachte – und sich dann rasch an die weitere Zubereitung des Abendessens machte, Brot aufschnitt und den kalten, knusprig gebratenen Speck in große, deftige Würfel hackte, der noch immer in der erkalteten Pfanne lag. Das Feuer war natürlich längst erloschen.

Nur gut, dass sie den Eintopf bereits am Nachmittag vorbereitet hatte. Es fehlte nur noch der Speck und das frische Brot, ...Himmel! - Der Teig! Und die frische Butter! - viel ihr unversehends wieder ein. Hoffentlich war sie nicht schlecht oder gar sauer geworden.

Sie öffnete das Fass doch die Butter war gut, noch ein bisschen weich doch das war nun nicht mehr zu ändern. Eilig strich sie die feine Butter in eine hölzerne Schale hinein und wusch das Fass dann sorgfältig aus, zur nächsten, baldigen Verwendung, während das Brot im Ofen fertig aufging und in Ruhe ausbuck.

Gut das Rave noch die Tiere zu versorgen hatte, sonst wäre sie wohl niemals mit ihrer Arbeit fertig geworden.

Dann deckte sie in fliegender Hast den Tisch.

Bevor Rave noch hereinkam, erinnerte sie sich an die Wäsche auf der Leine und das ungemachte Bett. Was würde er von ihr denken, wenn er die blanke Matratze sah? Also eilte sie noch einmal geschwind nach draußen, um die Bettwäsche, Kissen und Deckbett zu holen, auch diese mit dem frischem Riedgras zu stopfen und alles zum Schlafen bereitzulegen. Es sah recht fein und säuberlich aus. Zufrieden kehrte Abbygail an den Herd zurück, wo der Eintopf bereits leise blubberte, das Brot im Ofen herrlich roch und summte derweil eine kleine Melodie, während sie Teller und Bestecke aus dem Regal nahm und den am Vormittag gepflückten Blumenstrauß vom Fensterbrett holte und ihn mitten auf den Tisch stellte.

Sie war gerade mit allem fertig geworden, als Rave auch

schon hereinkam und sich aufmerksam in seinem nun völlig veränderten Haus umschaute, speziell das Bett einer raschen, verblüfften Musterung unterzog und dann zu der schon bereitstehenden Waschschüssel auf der Kommode ging und sich Gesicht, Arme und Hände reinwusch, bevor er sich auch noch sein verschwitztes Hemd vom Körper streifte.

Hier!“, reichte Abbygail im sogleich scheu ein neues gefaltetes Hemd zu, das leider noch ein wenig knitterig, dafür aber wunderbar sauber war. Rave sah es nur stirnrunzelnd an, als könne er sich nicht daran erinnern jemals ein Hemd dieser Farbe besessen zu haben und zog es dann aber nur wortlos über.

Hernach setzte er sich an den Tisch und Abbygail trug ihm eiligst auf.

Es gibt heute einen nahrhaften Eintopf, aus weißen Bohnen, Kartoffeln, Speck und Kräutern, die du auch immer für deine Wurst nimmst. Ich hoffe sie fehlen dir nicht in deinen Vorräten für die Wurstzubereitung, doch sie sind auch zum kochen sehr gut geeignet, weißt du? Du hast sehr viele feine Gewürze unten im Keller. Das erinnert mich an Mrs. Smith in Silver Springs. Ich habe früher immer gerne für sie gearbeitet. Sie war für dortige Verhältnisse ziemlich wohlhabend und kochte mit den seltsamsten Kräutern, die man sich nur vorstellen konnte. Ich habe unheimlich viel bei ihr gelernt. Zum Abschied lieh sie mir noch etwas Geld, damit ich mir neue Sachen kaufen konnte, für die Reise hierher. Der Heiratsvermit-tler hätte mich in diesen abgetragenen Kleidern gewiss nicht einmal zur Tür hereingelassen.

Darum nur war ich auch so fein angezogen als ich herkam.“, erzählte sie ihm nervös plappernd.

Rave verzog düster das Gesicht und Abbygail wechselte

rasch wieder das Thema und setzte ein fröhliches Lächeln auf, das ihr aber nur reichlich kläglich gelang.

Ich ...habe mir überlegt... vielleicht könnten wir noch ein wenig Geld sparen, wenn ich selbst ein Kräuter- und Gemüsebeet hinter dem Haus anlege. Was hältst du davon?“, fragte sie nervös, bevor sie sich selbst nun mit zitternden Fingern etwas Eintopf in eine Schale schöpfte und diesen dann mit dem Löffel hin und her schob anstatt zu essen.

Rave kostete wortlos von ihrem Eintopf, stutzte und hielt dann erst mal ganz still, schloss die Augen und atmete gepresst ein.

Abbygail hielt vor Schreck die Luft an.

Schmeckt es dir nicht gut, Rave?“, fragte sie alarmiert und wollte schon aufspringen. „Soll ich vielleicht schnell etwas anderes für dich richten? ...Tut mir leid... Tut mir wirklich leid...! Ich wusste nicht... Wenn du das nicht gerne magst, koche ich es auch nicht mehr, verspro-chen!“, stammelte sie unglücklich. „Ich dachte nur du magst diese Bohnen, du hast so viele dort unten im Keller...“ Sie wollte seinen Teller rasch fortnehmen, doch seine Hand schoss vor und umfasste ihr Handgelenk und hielt sie ruhig auf.

Abbygail beruhige dich und setz dich wieder hin!“, ordnete er missmutig an und stopfte dann Löffel um Löffel dieses herrlichen, ...nein... schon fast göttlichen Eintopfes in sich hinein, der diese Bezeichnung überhaupt nicht verdiente. Eintopf war doch nur gekochter Matsch aus vielen weichen, nicht mehr klar erkennbaren Zutaten. Doch das hier... konnte man noch richtig kauen und schlucken, es hatte kross gebratene, große, Schinkenstücke, so wie er es gerne mochte, dicke Kartoffelstücke, Zwiebeln und noch andere Gemüsesorten ...Himmel...wie gut das doch schmeckte. Egal was noch alles darinnen war oder nicht. Abbygail schien dennoch beunruhigt zu sein. Sie aß nicht einen Löffel voll und beobachtete ihn nur still.

Du weißt sehr wohl, dass dein Essen sehr gut ist, also

hör auf ständig nach Komplimenten zu fischen oder dir Sorgen zu machen, Weib.“, brummte er schließlich ungehalten, rülpste leise und stopfte nur noch ein paar weitere Löffel in sich hinein. „Wenn etwas nicht in Ordnung ist, sage ich es dir.“ Er schob seinen Stuhl zurück, trat mit seiner Schale in der Hand an den Herd und holte sich mit leuchtenden Augen noch mehr von ihrem Eintopf... - noch viel, viel mehr!

Abbygail zitterte erleichtert und schluckte hart. „Entschuldige bitte...!“, sagte sie leise zu seinem Rücken. „Ich weiß, ich mache mir zu viele Sorgen... und ich plappere auch mitunter zu viel. Toby hat das auch immer wieder gesagt. Ich weiß es ja, es stört nur...“

Plappere meinetwegen so viel du willst, aber iss auch etwas. Du bist zu dünn, um eine Mahlzeit auszulassen.“, mümmelte Rave nicht einmal mehr besonders mürrisch, zwischen zwei Bissen. Seine Laune hatte sich gerade beträchtlich gehoben. Und als er nach dem Essen seiner Frau beim Abwasch zusah und dabei seine abendliche Zigarre rauchte, war er sogar ziemlich zufrieden mit sich und der Welt.

Sie hatte sich absolut übertroffen. Nicht nur, das sie seine Tiere gut versorgt hatte, während er fort gewesen war. Das Haus glänzte wie ein frisch polierter Silberdollar. Sein Bett duftete süß und frisch, gar nicht mehr so wie gestern noch. Er fragte sich kurz wie sie das alles in der wenigen Zeit des einen Tages geschafft hatte, zusammen mit dem Wässern und Versorgen seiner Tiere – Der Hühnerstall glänzte ja regelrecht – und dem Schrecken den Trey ihr eingejagt hatte. Sie hatte außerdem noch Butter aus dem Rahm gestampft, die Bettwäsche rein gewaschen, alles gründlich geputzt, seine Sachen, vor allem die Arbeitsstiefel blank gewienert, so dass er nun zu seiner Verblüffung feststellte das sie schwarz waren und nicht etwa braun, wie er vormals gedacht hatte. Daran hatte er sich schon gar nicht mehr erinnern kön-nen.

Zudem noch hatte sie seine Hemden bis auf den letzten Fleck gründlichst gereinigt, Himmel sie hatte sogar seine Unterkleider ordentlich gefaltet auf das nun blitzsaubere Regalbrett über dem Bett gelegt.

Ihr Fleiß irritierte ihn, da er solche Umsicht nicht gewohnt war und sich unwillkürlich fragte warum sie das alles so überaus gewissenhaft tat.

Abbygail stellte den letzten Teller zum Abtropfen in den Spülstein und sauste dann schon wieder mit einem Lappen in der Hand durch das Haus, wischte jeden einzelnen Krümel vom Tisch, ja sogar vom Boden auf, eilte zurück zum Spülstein wusch den Lappen dort im Eimer wieder sorgfältig aus, nahm das Trockentuch zur Hand und räumte anschließend die gesäuberten Teller und Töpfe in das Regal neben dem Ofen, polierte sogar noch die grob geschnitzten Holz-Löffel, bis sie ganz

eindeutig glänzten.

Die Frau war schlicht und einfach perfekt. Aber dabei so nervös, als ginge es um ihr Leben.

Abby, warum tust du das?“, entfuhr es ihm unwillkür-lich.

Abby war gerade dabei die letzten Teller in das Regal einzusortieren und hielt verwirrt inne.

Was den, Rave?“, fragte sie sichtlich angespannt.

Rave beobachtete, wie sie mit bebenden Fingern die

graue Schürze auszog und ordentlich zusammenfaltete.

Dabei sah sie ihn wieder einmal nicht an, und hob instinktiv die Schultern, so als erwartete sie von ihm beschimpft oder gar angegriffen zu werden.
Und genau so war es wohl auch. Sie fürchtete sich schon

wieder. Weiß Gott weshalb.

Ich weiß, ...das ich heute nicht besonders viel geschafft habe...“, murmelte sie „Es tut mir wirklich leid, Rave. Ich war eine Zeit lang abgelenkt. Ab morgen werde ich wieder mehr schaffen und auch schneller arbeiten, okay?“

Rave blieb buchstäblich die Luft weg bei ihren absolut

ernst gemeinten Worten.

Im nächsten Moment drehte sie sich zu ihm um und begann mit bebenden Fingern langsam ihre Bluse aufzuknöpfen.

Wollen wir jetzt zu Bett gehen?“, wisperte sie leise und sah ihn dabei so auffordernd, aber auch sorgenvoll an, dass er sofort sicher war wohin ihre Gedanken gingen.

Sie bot sich ihm an – um irgendwas wieder gut zu machen?!

Raves Kehle verengte sich so sehr, dass er meinte, gleich keine Luft mehr zu bekommen. Sie war seine Frau. Sie wusste um sein Begehren oder ahnte es zumindest.

Eine weitere Pflicht von ihr war es das Bett mit ihm zu teilen, auch wenn es ihr deutlich davor grauste, denn ihre Finger konnten kaum die Knöpfe aus den Löchern schieben und ihr Atem kam sehr flach und gepresst, als bereite sie sich innerlich auf etwas äußerst unangenehmes vor.

Rave nahm seine Zigarre aus dem Mund warf den Rest in den Kamin hinein und stand dann langsam auf.

Warum tust du das, Abbygail?“, fragte er noch einmal

knurrend und trat mit finsterer Miene zu ihr hin. Sie war gerade dabei den Rock von ihrer Hüfte zu streifen, Rave hielt jedoch ihre Hände fest und zwang sie dazu reglos zu verharren.

Abbygail blickte allarmiert zu ihm hoch.

Ich will ... ich möchte es wieder gut machen, bitte!“, flüsterte sie stotternd.

Raves Augen verdunkelten sich noch. „Was willst du wieder gut machen?“, fragte er sie ärgerlich.

Sie sah entzückend aus, aber auch schwach und hilflos und zum Donnerwetter. Nun begann sie auch schon wieder zu zittern.

Das ich... so langsam bin und... dir Sorgen bereitet und dich dann sogar beinahe angegriffen habe, als du nach Hause kamst.“, brachte sie heiser heraus, und wagte dabei kaum ihn anzusehen.

Sein Knurren hätte ohne Schwierigkeiten einen entflohenen Höllendämon zugeordnet werden können. Abbygail sah entsetzt zu ihm hoch.

Rave...“, wisperte sie bestürzt. „Warum bist du denn nur so wütend auf mich? Ich will doch..., ich meine ...ich mache alles was du willst, wirklich alles, nur bitte... verzeih mir. Ich wusste nicht das er dein Freund ist. Er sagte doch... er wäre einer der Städter. Du... hast gesagt ich soll nicht mit denen reden, also wollte ich das auch nicht. Aber er ging nicht vom Fenster weg. Er hielt es auf. Er sagte, er wollte mich mit in die Stadt nehmen...!“

Seine Hände verkrampften sich noch mehr um ihre, die immer noch auf ihrer Hüfte ruhten. Mit einem Ruck riss er ihr den Rock über ihre Hüfte hinunter.

Abby konnte nicht anders, als einen leisen Schreckenslaut von sich zu geben und ihn besorgt anzustarren.

Rave...“, entfuhr es ihr erneut. Doch er schien nun so hart und starr wie ein Fels geworden zu sein.

Mühelos hob er sie auf seine Arme und steckte sie mit grimmiger Miene ins Bett, zerrte die Decke über sie, bis zum Hals hinauf und drückte sie, als sie versuchte sich

wieder aufzusetzen, hart auf die Matratze nieder.

Biete dich mir nicht an, wenn du es eigentlich gar nicht willst. Du brauchst Ruhe, nach diesem anstrengenden Tag voll schrecken und harter Arbeit. - Nichts anderes.“

Abby sah erbebend zu wie er sich abwandte das Licht löschte und mit dem Schürhaken das Holz im Kaminofen ein wenig auseinander schob, damit es schneller erlösch-

en würde.

Dann zog auch er sich aus, und sein Gesicht war dabei so starr und unbewegt das Abby rein gar nichts aus seiner Miene herauslesen konnte.

War er denn jetzt immer noch wütend?

Würde er nicht doch noch etwas von ihr wollen?

War er unzufrieden mit ihr oder begehrte er sie nach dem gestrigen Fiasko ganz einfach nicht mehr?
Ein schrecklicher Gedanke kam Abbygail und ließ sie die Luft Instinktiv anhalten.

Er hatte mitbekommen das sie gestern Nacht noch geweint hatte. Bestimmt hatte ihn das verärgert. Wie sollte es das auch nicht... Er fühlte sich gewiss sehr gekränkt.

Schlaf jetzt und hör auf so laut zu denken!“, brummte Rave plötzlich ungehalten, stieg zu ihr ins Bett, legte den Arm um ihre Mitte und zog sie mit einem kräftigen Ruck an seine breite Brust.

Abbygail quietschte leise auf. „Rave...“

Ja, Rave...!“, unterbrach dieser sie Schroff. „Genau der bin ich und wenn du jetzt noch etwas heulen willst, tu es

meinetwegen. Aber dann wird geschlafen.

Abbygail wollte etwas entgegnen, doch er drehte sie einfach ruckartig zu sich um und brachte sie durch einen langen harten Kuss zum Schweigen.
„Morgen werden wir etwas versuchen das sich
Findung
nennt und bei meinem Volk ziemlich oft und gerne gemacht wird. Du wirst es erlernen. Und dann wirst du bald wieder bereit sein das Bett mit mir zu Teilen, verstanden?“, brummte er sie grob an.

Abbygail nickte nur hastig, während er sie schon wieder von sich fort drehte.

Erstaunt wollte sie sich zu ihm umdrehen, doch erneut

hielt er sie an der Hüfte fest und schob nun auch noch ihren Kopf mit sanfter Gewalt in seine Armbeuge.

Abbygail fühlte seinen warmen, starken Körper an ihrem Rücken und schluckte heftig. „Rave... bitte. Ich möchte wirklich... Ich meine, wenn du es willst könnten wir doch vielleicht schon jetzt...“

Nein, können wir nicht.“, unterbrach er sie rau.

Abbygail schluckte erneut hart und versuchte sich ein wenig zu entspannen.

Rave...?“, wisperte sie schließlich nach mehreren Minuten des Schweigens, als sie es einfach nicht mehr aushalten konnte schüchtern.

Hm?“, brummte er knurrig.

Abbygail schnupperte an der festen Haut seines Armes, fühlte seine auf sie abstrahlende Wärme und hauchte zu ihrem eigenen Erstaunen plötzlich einen zarten Kuss auf den kräftigen Arm, bevor sie sich wieder ruhig in seine Armbeuge legte und durch das Fenster zum Mond hinauf starrte.

Weißt du... Ich bin wirklich froh das ich deine Frau geworden bin.“, wisperte sie tonlos. „Wenn ich nicht von Mrs. Smith die Anzeige in der Zeitung erhalten hätte, dann wäre ich einfach ...rausgegangen, in die Wildnis.

Ich ...hätte mich irgendwo hingesetzt oder wäre einfach weitergelaufen, bis ich Tod umgefallen wäre, ich weiß auch nicht. Aber so ist es viel besser.
Ich glaube Gott hat mich zu dir gesandt. Ich glaube er hat gewollt das ich dich finde und das ich versuche dir die beste Frau zu sein, die du nur haben kannst.

Ich mache bestimmt noch sehr viele Fehler, doch du... streitest gar nicht mit mir darüber, brüllst mich gar nicht richtig an. Schlägst auch nicht um dich oder wirfst mit Sachen nach mir. Oh, ich weiß dass du nicht Toby bist. Ich wusste es von Anfang an. Du hast mich festgehalten. Viel zu fest, ...auf deinem Pferd. Die Rippen tun mir heute noch ein Bisschen weh. ...Doch Toby... der hätte mich wahrscheinlich nur den ganzen Weg hinter sich her laufen und mich vielleicht sogar noch die Tasche selbst tragen lassen, anstatt mich mit auf das Pferd zu nehmen.

Vielleicht halten sie dich in der Stadt wirklich für einen Wilden, weil du so viele raue Kanten hast und immer so wütend aussiehst. Das hat mir zu Anfang auch etwas Angst gemacht... macht es eigentlich immer noch. ...Entschuldige bitte!“, murmelte sie leise, doch er regte sich nicht, sagte nichts, also fuhr sie schließlich weiter fort zu sprechen. „Ich war bei mir zu Hause genau so ein Außenseiter, wie du es anscheinend hier bist, Rave.

Die Leute hatten bestenfalls Mitleid und gaben mir manchmal ein bisschen Arbeit und ein paar Pennys dafür. Toby nahm mir dann aber immer sogleich alles fort, was ich mühsam verdiente. Er ließ sich von mir bedienen, bekochen, ...mit Sachen die ich einkaufen musste, von Geld das er mir aber doch fortnahm und worum ich dann später immer betteln musste... immer wieder... und dann aß er jeden noch so kleinen Krümel den ich herrichtete selbst auf, ließ mir kaum einmal etwas übrig.

Ich war so oft nahe daran zu verhungern, einfach aufzugeben. Hätte es nicht Menschen gegeben die dies nicht zuließen. Die mich pflegten, wenn Toby nicht da war und ich krank oder verletzt, so wie Marri, meine Freundin. Die mir übriggebliebenes Essen brachte... was sie halt selbst so entbehren konnte. In der Nacht lag ich in unserem Haus nicht in meinem eigenen Bett, in meinem alten Zimmer, das meine Eltern für mich gebaut hatten, sondern auf einer harten Holzbank mit nur einer sehr dünnen, zerschlissenen und löcherigen Pferdedecke, die mich kaum wärmte. Toby hat einfach alle meine Sachen die etwas Wert hatten verkauft oder verspielt. Ich musste auch immer selbst das Holz schlagen gehen, wenn wir es warm haben wollten. Oft konnte ich das nicht mehr rechtzeitig tun, wenn ich von der Arbeit auf einer weit abgelegenen Farm nach Hause kam. Ich musste ja laufen, denn Tobys Pferd dürfte ich nur versorgen, nicht aber reiten. Im Winter wurde es aber einfach zu früh dunkel, um dann noch Holz zu suchen, sich durch den Schnee zu kämpfen... Ich hatte Angst vor den Wildhunden. Die gibt es bei uns zu Hause massenweise.

Toby ist dann immer ausgerastet und hat mich

beschimpft... einmal hat er mir dann deswegen auch den Arm gebrochen.“

Abby fühlte wie sein Griff um ihre Mitte sich immer mehr verhärtete und schwieg... kämpfte mit den Tränen.

Es ist erst zwei Wochen her, da war ich noch zu Hause. Da war das Leben so wie ich es kannte und nicht anders. Da richtete ich noch das Abendessen für Toby und hoffte er würde mich hoffentlich nicht schlagen, wenn er nach Hause käme. Würde mich einmal in Ruhe lassen, betete sogar ein kleines Gebet zu Gott und seinen vielen Schutzengeln, ob sie mir nicht vielleicht helfen würden, falls sie gerade ein wenig Zeit dazu fänden.

Der Sheriff kam schließlich am Nachmittag angeritten,

als es gerade dämmerte.

Er sagte mir das Toby tot sei und ich... war Gott so un-endlich dankbar dafür.“

Sie atmete zitternd durch und drängte sich Schutz suchend gegen ihn.

Es ist eine Sünde für den Tod des eigenen Bruders dankbar zu sein, ich weiß das. Seine Familie kann man sich nicht aussuchen. Mann muss zu ihr stehen, in guten

wie auch in schlechten Zeiten, immerdar...“

Vergiss ihn. Er ist Tod.“, befahl Rave nun doch noch einmal schroff und richtete sich halb hinter ihr auf. „Du sollst jetzt schlafen und nicht mehr länger reden.“

Abby lag nur weiter in seinem Arm und zeichnete versonnen mit dem Finger ein Muster auf die Matratze.

Ich bin Gott aber so dankbar, Rave, dass du nicht so bist wie er.“, flüsterte sie rau, als Rave sich gerade wieder zurecht legen wollte.

Abbygail drehte sich in seinem Arm zu ihm um und nickte ganz ernsthaft zu ihm auf.

Durch das Fenster schien der volle Mond herein und

beleuchtete seine harten, fast ausdruckslosen Züge.

Seine dunklen Augen bohrten sich allerdings wütend in ihre. Abbygail lächelte traurig, diesmal hatte sie keine Angst vor seinem Zorn denn er galt nicht ihr, sondern Toby. Also hob sie schießlich eine Hand an seine Wange.

Ach sei nicht böse, ich erzähle dir das nicht damit du Toby zürnst. Ich glaube du musst genauso wie ich selbst besser hinhören lernen, was dir jemand erklärt, Rave. Ich danke unserem Herrgott dafür das er mich zu dir gebracht hat.“
„Zu mir spricht dein Gott nicht, also nenne ihn nicht unseren Gott, Abby.“, knurrte er nun doch schon wieder brummig und plötzlich begriff Abbygail auch ohne das er ihr erzählte was sie falsch gemacht hatte, warum er so ärgerlich war. Sie arbeitete und schuftete für ihn, säuberte das ganze Haus, half ihm wo sie nur konnte. Und er begriff nicht wieso. Das war seine Frage gewesen.
Warum tust du das Abby?

Weißt du, Rave...Ich versuche alles immer sehr gut zu machen, sehr ordentlich, sauber, reinlich - für dich... für uns! Und auch, damit Gott erkennt das ich ihm dankbar bin, für seine Gnade.“, platzte sie leise heraus. „Und vielleicht irgendwann einmal, ... wirst du mich wegen meines Fleißes und meiner Reinlichkeit ein kleines Bisschen schätzen können, Rave, gar nicht so sehr mögen oder... anderes, ich meine wir kennen uns noch nicht gut und ich weiß das ich dich am Anfang mit meinem Aussehen enttäuscht habe. Ich bin nicht so drall und füllig und weich wie andere Frauen, sehe auch nicht so gut aus... so wie Milly Hargrave zum Beispiel. Sie ist wirklich schön und sogar rothaarig! Rotharrige sind lustige Menschen, fröhlich und aufgeschlossen während ich viel zu schüchtern bin, um zu gefallen.

- Himmel, alleine wie sie über ihren Mann zu mir gesprochen hat, das würde ich mir nie im Leben erlauben. Dazu achte ich dich viel zu sehr, Rave. Du arbeitest hart und es ist dein gutes Recht nach Hause zu kommen, in ein sauberes gemütliches Heim, ein einfaches Essen auf dem Tisch bereit zu finden und sauberes Wasser zum Waschen, frische Kleider zum wechseln...“, erklärte sie ihm flüsterleise.

Du bist wohlhabend und doch bescheiden, sparsam und

doch gerecht.
Ich brauche auch gar nicht viel zum Leben, ich habe nur immer darum gebetet ehrbar zu sein und eine gute Ehefrau... irgendwann vielleicht auch eine Mutter. Ich wollte ein schlichtes Dach über dem Kopf, etwas zu Essen und natürlich eine Aufgabe, die zu erledigen ich mir alle Mühe geben würde, mehr nicht.

Also lass mich dir ein schönes, reinliches Heim bereiten, Rave. Das ist meine Aufgabe, die Gott mir zugedacht hat.

Lass mich deine Wäsche waschen, den Boden schrubben, lass mich dir zeigen, dass das, was du für mich getan hast, ...das du mich geheiratet, mich zu dir hast kommen lassen und mir ein neues Heim gegeben hast... dass dies alles sehr, sehr wertvoll für mich ist.

Mein Traum, den ich nie wirklich zu träumen wagte, aus Angst er würde nie erfüllt werden können.Und du bist schließlich auch ein wirklich guter Mann, gar nicht so wie Toby, so faul und betrunken und grausam.

Du bist ein guter Mann, nicht ein Indianer, nicht ein Halbblut, nicht etwas wildes, schreckliches oder Angst einflößendes... auch wenn ich oft unsicher bin, ob dir gefällt was ich tue oder ob es dich beleidigt oder ärgert, oder dich stört... Du verdienst die beste Frau und die

saubersten Hemden und die reinsten Fenster zu haben.

Das meine ich wirklich ernst!“, wiederholte sie noch einmal überzeugt, als er nur schnaubte und mit dem Daumen über ihr Handgelenk zu streichen begann. Abbygail seufzte leise auf. Das fühlte sich schön an, ruhig und warm.

Du bist so stark, ich nicht. Du hast das Sagen, ich nicht. Ich will es auch gar nicht anders haben, ehrlich gesagt. Aber wenn dir etwas nicht gefällt, an mir, etwas das ich tue... dann musst du es mir gleich sagen, Rave, damit ich mein Verhalten so ändern kann, das es dir besser gefällt. Ich will dir gerne gefallen, Rave...“, wisperte sie leise und kuschelte sich enger an ihn an. „Ich will dir so gefallen das du zufrieden bist - mit mir als Frau.“

Schlaf endlich, Abbygail! Das würde mir jetzt gerade gefallen.“, brummte Rave nur wieder mürrisch und strich ihr aber trotz des harten Tonfalls sanft eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht zurück.

Der Mann hatte Augen wie ein Luchs, ging es Abbygail kurz durch den Kopf.

Es war nun schon richtig dunkel hier drinnen, eine Wolke war vor den Mond gewandert und die Glut im Kamin spendete auch nur noch sehr wenig Licht, trotzdem sah er solche Kleinigkeiten.
Abby sah zu ihm auf und biss sich sorgenvoll auf die Lippen.
„Ja, Rave. Du hast vollkommen recht. Ich sollte nun wirklich schweigen, es tut mir leid, das ich dich vom Schlafen abhalte und so viel plappere. Ich wollte dir auch nur sagen... Ich meine... Ich wollte dir erklären warum ich manchmal so seltsam bin, was dir natürlich nicht ge-fallen kann.“

Rave schob eine Hand in ihr Haar und drehte ihr Gesicht so, dass sie ihm nicht mehr ausweichen konnte. Der Kuss, den er ihr gab, war diesmal nicht mehr so hart, jedoch dafür verlangend, heiß und sehr intim.

Seine freie Hand glitt forsch zu ihrer Brust und umfasste eine der kleinen, mageren Formen begierig. Sie hörte sein raues, heiseres Stöhnen, ihr schwindelte heftig, alle Gedanken verwirrten sich und sie schnappte entgeistert nach Luft, sobald er wieder von ihr abließ... Stunden später wie es ihr schien, dabei konnten höchstens Minuten oder gar nur Sekunden vergangen sein. Abbygail dachte schon, dass er nun doch noch seine ehe-lichen Rechte einfordern würde, doch plötzlich drehte er sie einfach wieder auf die Seite und wandte sich halb-wegs von ihr ab.

Schlaf jetzt endlich, Weib!“, wiederholte er schroff.

Aber ich dachte, du willst noch gerne...“

Nein, nicht heute Nacht.“, unterbrach er sie brummig und atmete gepresst aus.

Abbygail sah unsicher zu ihm hin. Er hatte seinen Arm über die Augen gelegt. Sein Mund war nur noch ein schmaler Strich.

Hatte sie ihn schon wieder verärgert?

Abbygail hätte ihn gerne gefragt, doch es war offensicht-lich, das er nicht mehr mit ihr reden wollte. Er hatte sie angewiesen zu schlafen, also sollte sie das nun wohl auch besser tun. Nur so konnte sie ihm heute noch gefallen.



Letztlich landete sie wieder mit dem Rücken an seiner breiten Brust. Sofort als Rave merkte das sie schlief, schob er sie so zurecht wie es ihm gefiel und umschlang

sie beschützend mit den Armen.

Dabei legte er, als einziges Zugeständnis an seine beinahe übermächtige Erregung, eine Hand über ihre kleinen Brüste und ließ ihre Wärme auf sich wirken. Warum hatte er sie nicht einfach genommen, als sie sich ihm bereitwillig anbot? Das verstand er immer noch nicht.

Er verstand sich selbst nicht mehr, seine Zuneigung zu ihr, die so ängstlich und schüchtern und scheu war. So sehr bereit ihm zu gefallen.

Zu dünn, schoss es ihm wieder einmal durch den Sinn, als er die hervorstehenden Rippen unter dem fadenscheinigen Hemdchen ertastete.

Sie war noch nicht wieder richtig zu Kräften gekommen.

Er hatte sie beinahe verhungern lassen, der Bastard, den sie Bruder nannte.

Bei allen Geistern...!

Würde er noch gelebt haben, Rave wäre hingefahren und hätte ihn eigenhändig umgebracht, wie der Bastard seine Schwester zweifellos hatte umbringen wollen.

Noch ein Winter, so wie die letzten Jahre, die sie ihm vorhin geschildert hatte und es wäre um sie geschehen. Eine dünne, löcherige Decke, eine blanke Holzbank zum schlafen... Schläge und Hunger, dazu noch harte, körper-lich erschöpfende Arbeit. Und sie arbeitete immer hart, so hart sie nur konnte, um zu gefallen.

Das Dilemma war nur, es gefiel ihm tatsächlich. Zeigen würde er ihr das allerdings nicht. Wozu auch?

Es war nun auch ihr Haus und wenn sie sich die Finger daran wund schrubben wollte, würde er sie nicht daran hindern. Jedoch Essen musste sie ab sofort noch viel mehr. Und dazu mehr Ruhezeit haben, damit sie nicht länger so nervös herumlief und ängstlich in seine

Richtung schielte.

Rave erschauderte leicht und sah auf die kleine reglose Gestalt in seinem Arm herab. Seine Frau, sein Eigentum. Nach nur wenigen Tagen, bereits ein wichtiger Teil seines Lebens, dass er sich ohne sie schon nicht mehr vorzustellen vermochte.
Sie duftete wie eine Sommerwiese, nach frischem Gras und Seife, Wasser und ihrem köstlichen Eintopf. Eine Mischung die ihn berauschte, so sehr er sich auch dagegen wehrte.

Er wollte sie glücklich sehen, zufrieden, beschützt.

Oh ja. Es war geschehen.

Er hatte eindeutig seinen Verstand verloren.


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Halbblut - Black Raven Kapitel 8

Abbygail hatte kaum Zeit richtig Atem zu holen, da sah sie auch schon den Mann von heute Nachmittag mit weiß verbundenem Arm, den er in einer Schlinge trug aus der Tür herauskommen, dicht gefolgt von einer kleinen, rothaarigen und sichtlich hochschwangeren Frau, die mehr als nur ein Bisschen verärgert wirkte.

Bist du gekommen um ihm die Fresse zu polieren, Rave?“, fragte sie ihn feurig guckend und verschränkte die Arme vor der Brust „Nur zu! Am liebsten würde ich es selbst tun, doch zur Zeit bin ich gerade ein wenig zu langsam für Mr. Rindvieh!“, empörte sie sich sogleich als sie Raves kämpferische Miene betrachtete und dann erst Abby, die immer noch haltsuchend auf dem Kutschbock kauerte und ziemlich bleich aussah, einer raschen gründlichen Musterung unterzog, angefangen von ihrem aufgelösten Zustand, über ihre verweint aussehenden rotgeränderten Augen und endend mit ihren abgerissen wirkenden Kleidern. Erbärmlich war ihr Urteil und noch dazu ein halbes Kind. Dennoch hatte sie sich tapfer gegen ihren tolldreisten Mann verteidigt, den anscheinend ein Teufelsfloh in den Hintern gebissen hat-te, dass er so was inszenierte, nachdem die Bainbright’s gerade erst den Reverend und Bürgermeister Fletcher des Weges gewiesen hatten.

Wie kann man nur so blöd sein, frage ich mich!“, zankte sie darum extralaut weiter. Natürlich auch um Raves Aufmerksamkeit auf sich selbst, anstelle ihres irrwitzigen Mannes zu lenken, der schon jetzt wie ein zerknirschter Prügelknabe wirkte, obwohl Rave noch nicht einmal den ersten Treffer gelandet hatte. „Da schickt man seinen Mann aus, mit einem Kuchen zum Antrittsbesuch bei einer neuen Nachbarin und er kommt verletzt und jammern wieder Heim... wie ein gottverdammtes Kleinkind! Und dann auch noch mit dem Kuchen wieder im Gepäck … und ohne eine freundliche Einladung zum Tee ausgesprochen zu haben, - nur wie ein abgestochenes Schwein blutend, so dass ich ihn mir gleich erst mal zur Brust genommen habe. Am liebsten hätte ich ihm die viel zu langen Hammelbeine langgezogen. Das kannst aber du ja jetzt gerne für mich übernehmen, Rave.

Ich halte ihn auch für dich fest, okay?“, bot sie ihm kategorisch an und schnaufte finster, doch der Indianer

blickte nicht eine Sekunde lang zu ihr herrüber ...Oh-oh!

Abbygail staunte wirklich nicht schlecht.

Eine so kleine, aber durchweg energische, wild-rot gelockte Frau, stand auf den Stufen der Veranda und schaute noch böser drein als Rave, war das zu fassen?

Sie hatte ihm sogar angeboten Ihren eigenen Mann festzuhalten, währen Rave ihn verprügeln sollte... bei Gott!
Nun drehte sie sich mit in die breiten Hüften gestützten Fäusten zu Abbygail um und zwinkerte ihr zu, nachdem Rave sie nur ohne hinzusehen angeknurrt hatte, dass sie sich gefälligst raushalten sollte und musterte sie erneut eingehend, bevor sie ihr schließlich selbstbewusst zunickte, während Rafe gerade auf den verletzten Mr. Hargraves zustürmte und ihn leise grollend anfuhr, so dass man leider kein einziges Wort verstehen konnte.

Während dessen kam die rothaarige Frau die Treppe hinabgestiegen, ächzte dabei leise auf und lächelte dann aber nur wieder sehr nett zu Abbygail hoch.

Du hast meinen irren Mann also mit dem Messer angegriffen?“, fragte sie sie so leichthin, das Abbygail schon wieder Schwierigkeiten mit dem Schlucken bekam. War die Frau deswegen nun sauer auf sie?

J...Ja, Ma'm. Er ging einfach nicht mehr weg und sagte so schlimme Dinge über Rave... u...und mich!“, versuchte Abby sich zu rechtfertigen.

Milly nickte ihr nur erneut aufmunternd zu und grinste boshaft. „Nur keine Angst, Schätzchen... Hätte ich an deiner Stelle doch ganz genauso gemacht. Mit einem Messer ist man immer gut bedient, wenn so ein Cowboy madig wird, nicht wahr?“

Rave war unterdessen noch dichter zu Trey hingetreten,

hatte ihm am Kragen gepackt und sprach etwas lauter.

... was soll das heißen: Es tut dir Leid...?“

Abbygail zuckte kurz zusammen und sah erschüttert zu den beiden Männern hin. „Du hast meine Frau vorhin beinahe zu Tode erschreckt, indem du dich als ein Städter ausgabst, sie bedrängt hast, mit dir zu gehen, ihr Angst gemacht hast ...und du behauptest jetzt ernsthaft es tut dir Leid...?“

Die geballten Fäuste Raves zitterten jedenfalls gewaltig, vor unterdrücktem Zorn.

Und so was nennt sich dann auch noch bester Freund!“, rief die rothaarige Milly gleichsam wütend zu den Männern hinüber, während sie nun auf die andere Seite der Kutsche trat, auf der Abbygail, noch immer völlig erstarrt saß und die Hände im Schoss rang.
Milly wandte sich ihr wieder zu, lächelnd als hätte man ihre Wut einfach ausgeknipst. „Ich sage dir, Männer sind wirklich das Letzte, und
mein Mann sogar noch mehr als alle anderen. Welcher Teufel mich da wohl geritten hat, als ich diesen Schwachkopf auch noch ehelichte, anstatt ihm einfach einen Tritt in den Hintern zu geben...?!“, sagte sie laut und deutlich.

Abbygail sah besorgt zu wie Trey entschuldigend seine Unverletzte Hand hob. Rave jedoch stieß ihn nun so grob vor die Brust, so das er rückwärts taumelte und folgte ihm zornig nach.

Keine Sorge. Trey kann das gut vertragen!“, murmelte Milly Hargave von unten zu ihr herauf, als Rave plötzlich ausholte und seine Faust in das Gesicht des Verletzten donnern ließ.

Abbygail sah mit schreckensweiten Augen kurz zu der nur ein wenig älteren Frau herab, die angelegentlich eine Braue hob und die Arme über dem gewaltigen Bauch verschränkte.
- Tatsächlich ...sie grinste auch noch spöttisch, während ihr Mann gerade im hohen Bogen durch die Luft flog und

mit einem lauten Platschen in der Pferdetränke vor

dem Haus landete.

Gute Rechte!“, kommentierte sie anerkennend. „Das schaffe ich nicht einmal, wenn ich ihm einen kräftigen Tritt gebe. Rave ist aber auch mächtig sauer. Was wohl bedeutet das du ihm eine ziemlich gute Frau bist, was meine Liebe?“, blinzelte sie schon wieder so fröhlich zu ihr hinauf.

Abby sah verdutzt zu der deutlich kleinen Frau herab.

Äh... ich hoffe es sehr, ...Mrs. Hargrave.“, wisperte sie schließlich scheu.

Milly! Nenn mich einfach Milly. Denn wenn die beiden jemals wieder zu einem Ende kommen und Trey dann noch halbwegs lebendig ist, sind wir die besten Freunde, die ihr Mann nur haben kann. Ich habe übrigens ihren Namen nicht verstanden, als wir eben einander vorgestellt wurden...?!“, erkundigte sie sich halbwegs spöttisch.

Abbygail errötete wegen ihrer Unhöflichkeit und zuckte kurz zusammen, als Trey Hargraves Körper nun polternd durch eine Zaunlatte des Pferdepferches hindurchkrachte. Die Pferde wichen wiehernd zurück oder flüchteten eilig durch den Zaun preschend.

Nun kamen Cowboys gelaufen, riefen laut und wurden sogleich von Millys scharfem Pfiff auf zwei Fingern und ihrem energischen Kopfschüteln zurückgerufen, sich da jetzt ja nicht einzumischen. Also stellten sie sich nur hin und sahen zu wie ihr Boss die Dresche seines Lebens bezog und grinsten dabei auch noch munter vor sich hin.

Abby atmete scharf durch als Milly sich ihr wieder

zuwandte, sie war ein wenig abgelenkt durch Rave, der schon wieder auf den immer noch ächzend am Boden liegenden Mann zutrat und ihn am Kragen packte und auf die Füße hochzerrte.

Neue Freundin? Hallo?! ...Dein Name bitte...“, erinnerte sie Milly Hargraves geduldig. „Denk dir doch, ... ich möchte mich gerne mit dir unterhalten können!“, ver-langte sie milde.

Abby sah sie rasch wieder an, sah sie breit lächeln, während Rafe ihrem Mann gerade ein wohl meterdickes Veilchen aufs rechte Auge verpasste und dann gleich noch im Anschluss seine Lippe blutig schlug.

Blut floss über sein Gesicht hinab, als er erneut hart zu Boden stürzte.

Sagen sie...“, murmelte Abby heiser. „Sind sie denn gar nicht in Sorge, dass Rave ihren Mann umbringt? Er ist wirklich schrecklich wütend!“, murmelte Abby leise, dann atmete sie nochmals tief durch und reichte Milly zögernd ihre Hand.

Und mein Name ist Abbygail ...Abbygail Warren-Bainbright aber Rave nennt mich immer nur Abby.“, murmelte sie erstickt und nun auch sichtlich entsetzt von dem Verhalten ihres Mannes, der nun auf den am Boden liegenden Mann einprügelte, obwohl der sich längst nicht mehr wehrte oder auch nur mehr aufzustehen versuchte...

ein unterdrückter Schrei entrang sich Abbys Kehle: „Gott!“

Milly beobachtete derweil voll Interesse ihre bebenden Schultern, die hellblauen, mitleidigen Augen, die auf ihrem nichtsnutzigen Mann lagen, die scheue Art, ihre offensichtliche Angst und Sorge, um einen Idioten der sie vor kurzem noch fast zu Tode erschreckt hatte, dass sie sogar mit dem Messer auf ihn losgegangen war...

Abbygail verzog kurz schmerzvoll das Gesicht, als Raves harter Tritt Trey Hargrave in die Rippen traf.

Gott, Rave bringt ihn noch um!“, murmelte sie voller Bestürzung. Auch Milly schien nun ein doch ein klein wenig besorgt zu sein, als sie wieder hastig zu der hochschwangeren hinabblickte. Doch die tat immer noch nichts um sich Rave in den Weg zu stellen, zu bitten oder zu flehen, wie Abby es vielleicht getan hätte, wäre es ihr eigener Mann.

Die rothaarige, mollige Mrs. Hargrave seufzte nur leise auf und tätschelte dann sehr sanft Abbygails abgearbeite-te Hand... – stutzte, runzelte irritiert die Stirn

und sah dann gleich noch ein mal genauer hin.

Tatsächlich voller rauer harter Schwielen, die kleinen, zarten Finger. Also doch keine so zarte Blüte, wie das Äußere einem vorgaukeln mochte, befand sie für sich und zog die Brauen hoch... Eine immer interessanter werdende Frau, diese Abbygail Warren-Bainbright.

Nun ja, sehen wir doch einfach mal das Positive an dem Ganzen.“, schlug sie ihr wieder zum Thema zurückkehr-end vor. „Trey hat es redlich verdient - dieses Schwein - dich einfach so in Panik zu versetzen, wo du dich hier doch noch gar nicht richtig auskennst und zurechtfindest... Ich darf dich doch duzen, oder? - Wo wir uns doch gerade so nett kennen lernen?“, fragte sie fröhlich zwitschernd. Abby riss nur zutiefst erstaunt die Augen auf, nickte aber trotzdem ...allerdings leicht befremdet... was Milly nur mit einem gelächelten „Fein, Fein!“, quittierte. Dann verzog sie skeptisch das Gesicht, als erneut ein schwaches Keuchen ihres Mannes zu ihnen herüber drang, da Rave gerade seine Magengrube bearbeitete. „ Ah... das hat gewiss weh getan!“, murmelte sie nun doch mitleidig, dann schüttelte sie betont betrübt den Kopf. „Na ja... muss ich mir halt bald einen neuen Mann suchen. Oder ich bleibe alleine, mit dem Kind.
Als Witwe lebt es sich sowieso lustiger, denke ich.“, entschied sie tief durchatmend und sah dann schief grinsend Abby an, die sie betroffen anblickte. „Das wird unserer neuen Freundschaft natürlich keinen Abbruch tun, keine Sorge, meine Liebe.

Nur schade, dass das arme Würmchen hier seinen Daddy nie kennen lernen wird. Nun ja, wenn er so dumm war einen Indianer zu reizen, darf er sich wirklich nicht wundern, wenn er heute noch skalpiert wird. So bleibt uns vielleicht wenigstens noch sein Schopf erhalten. - Vielleicht über dem Kaminsims. - Na ja...!“, sie seufzte erneut theatralisch auf und tätschelte sich betont den dicken Bauch.

Abbygail atmete derweil schockiert durch und sah Milly Hargraves zutiefst entsetzt an.

Würde Rave das wirklich tun? Ihr Kopf schoss erneut herum, zu ihm. Gerade hieb er Trey hart auf die Nase, dass das Blut nur so herausspritzte. Keine Gnade, kein Erbarmen, nicht einmal mehr ein winziger Rest Freundschaft war da zwischen Rave und dem anderen Mann zu erkennen, nur blanker, kalter Zorn... von Raves Seite aus gesehen.

Und schon wieder holte er zum Schlag aus. Vernichtend, hart...

Er würde ihn tatsächlich umbringen!

Mit einem Satz war Abby von der Kutsche heruntergesprungen und rannte zu Rave hinüber, um ihn vielleicht irgendwie aufzuhalten.

Rave...!“, rief sie heiser aus, nachdem dieser eine harte Serie von Schlägen, an dem hin und her rollenden Mann angebracht hatte, der schon längst bewusstlos sein mus-

ste, so reglos wie er da lag.

Rave wandte sich ihr abrupt zu, und ließ von dem Mann ab und nur das war ihr im Augenblick wichtig. Abbygail betrachtete ganz kurz den Freund ihres Mannes.

Er rührte sich wirklich kaum mehr, blutete heftig aus Nase und Mund heraus. Seine Augen waren beide blau geschlagen und schwollen bereits zu.

Doch als sie wieder zu Rave hinsah las sie in seinen Augen noch immer diese unbändige Wut, die ihn hergetrieben hatte.

Diese unbeherrschte Wildheit die vorher eher unterdrückt gewesen war, erschreckte und faszinierte sie gleichermaßen. Ein seltsamer Funke glomm feurig in seinen dunklen tiefgründigen Augen. Oh ja...Er wollte ihn umbringen. Er wollte es, - für sie! Weil sie solche Ängste ausgestanden hatte.

Abbygail erschauderte beinahe unmerklich.

Er war ihr auf einmal direkt unheimlich. Schließlich war er noch viel stärker als Toby. Sicherlich beging sie gerade schon wieder einen schweren Fehler sich in seine Angelegenheiten einzumischen, sich zwischen ihn und diesen Mistkerl zu stellen, dessen eigene Frau sogar behauptete er habe den Tod redlich verdient.

Rave würde bestimmt wütend sein, dass sich einmischte. Doch Milly brauchte ihren Mann noch. Sie würde bald sein Kind gebären.

Und war ihre eigene ausgestandene Angst es wirklich wert, das ein Mensch dafür sein Leben ließ? Nein, ganz sicher nicht.

Sie war doch wirklich im Grunde unbedeutend.

Rave durfte sich nicht dermaßen versündigen und damit sein Seelenheil aufs Spiel setzen.

Doch sie konnte ihn auch nicht davon abhalten, wenn er

darauf bestand. Er war der Mann, sie nur seine Frau. Sie musste ihm gehorchen... Gott im Himmel - Welch ein Zwiespalt!

Abbygail wusste nicht mehr weiter. Wusste nicht mehr, was sie nun noch zu ihm sagen sollte oder wie sie ihn überhaupt aufhalten konnte.

Ihr Mund öffnete sich stumm und schloss sich einfach wieder.

Sein Blick sagte ihr mehr als tausend Worte es getan hätten: Halt dich raus! Also stand sie nur zitternd da und sah ihn vollkommen hilflos an, flehendlich, angstvoll...

Rave fluchte unterdrückt auf bei ihrem Anblick. Sie war jetzt noch einmal bleicher geworden als vorhin, ...als sie in seinem Haus an der Wand gelehnt hatte, mit dem blutigen Messer in der heftig bebenden Faust.

Sie wankte und sah aus als würde sie der leiseste Windhauch gleich umwehen. Sofort verging sein Zorn und tiefe Sorge kroch in seinen Eingeweiden hinauf.

Er hatte nie gewusst, dass man sich so verletzlich fühlen konnte, wenn man sich eine Frau nahm und diese dann bedroht wurde.

Für ihn war es bislang immer nur eine Sache des Angenehmen und zugleich Nützlichen gewesen, - diese Anzeige in der Zeitung, dieses Angebot nach der einen, richtigen und perfekt passenden Frau suchen zu lassen, anstatt selbst loszuziehen und sich seine Braut in der weiteren Umgebung zu besorgen.

Sie zu kaufen, von einem Händler, sie herkommen zu lassen, bezahlt, mehr eine Ware, denn ein reales menschliches Wesen, war ihm vernünftig, wenn nicht gar selbstverständlich erschienen. Er hatte ein ordentliches Haus haben wollen, ohne sich selbst noch darum kümmern zu müssen. Er hatte eine warme, wohlschmeck-ende und zur Abwechslung einmal nicht angebrannte Mahlzeit essen wollen, wenn er Heim kam, erschöpft vom Tagewerk. Er hatte einen warmen, weiblichen Körper in seinem Bett liegen haben wollen, den er benutzen konnte, wann immer es ihn danach gelüstete. Er hatte eine Frau verlangt die Lesen und Schreiben konnte, eine gute Frau, eine gebildete Frau, welche die Schule der weißen Kinder besucht hatte und trotzdem Loyalität gegenüber ihrem Ehemann, einem Halbblut kannte.

Und was war nun daraus geworden?

Er hatte alles das... und noch so viel mehr erhalten. Er empfand etwas für sie, Teufel auch...!

Das war schlecht. Das war wahrhaftig schlecht, doch anscheinend nicht mehr zu ändern, es sei denn er schickte sie fort, jetzt gleich.

Doch das ging nun auch nicht mehr. Das wäre grausam und unfair, ihr gegenüber. Er hatte sie sich doch schon in sein Bett genommen.

Sie war befleckt.

Kein ordentlicher Mann im Westen würde sie nun noch als ehrbar bezeichnen, wenn sie bei einem schlecht angesehenen, kriegerischen Halbblut gelegen hatte, egal ob reich oder nicht. Egal auch, ob es mit oder ohne ihr Einverständnis geschah.

Irgendwie hatte sich diese einfache und gewiss auch um vieles vorteilhaftere Sicht der Dinge, die er vor dieser seltsamen Ehe mit Abby gehabt hatte gewandelt.

Sie bedeutete ihm etwas. Sie stand da und wusste genau das sie ihm gehorchen musste, dass er sich einfach wieder umdrehen und weitermachen konnte, dass sie ihn nicht aufhalten konnte, dass sie das auch gar nicht dürfte, weil er es so befahl.

Doch ihre Augen baten und bettelten ihn an, aufzuhören.

Ihre Fäuste zitterten, ihr Mund bebte, vor erneut unter-drückten Tränen.

Sie war schwach und doch stark wie ein Maulesel, zuweilen lästig und doch brauchte er sie schon jetzt so sehr wie die Luft zum atmen.

Aber sie wusste das nicht. Wenigstens dessen war er sich ganz sicher. Sie würde es nicht ausnutzen das er sich von ihren flehenden Blicken beeindrucken ließ. Sie verstand es noch nicht einmal, dass sie es konnte und das war gut so.
So konnte er seinen Stolz wahren und der Herr in seinem
eigenen Haus bleiben. Sie würde ihm immer gehorchen. Er musste nur hin und wieder ein kleines bisschen

nachgeben, so wie gerade jetzt... - vielleicht.

Die Angst in ihren Augen würde dann allmählich verschwinden, ersetzt werden durch Treue und noch dauerhaftere Loyalität, vielleicht sogar durch Respekt der ehrlich gemeint war und nicht aus der Angst vor ihm erwuchs.

Rave atmete einmal tief durch und ließ Trey dann achtlos am Boden liegen, während er zu Abbygail hinging, die ihn nur weiter unsicher ansah.

So tapfer... so schwach, so hilflos und zerbrechlich, ... so unglaublich anziehend.

Bitte...“, wisperte Abbygail heiser zu Rave auf. „Bitte... Ich weiß es ist vermessen von mir, dass ich mich einmische. Ich sollte nichts sagen, doch ich möchte wieder nach Hause fahren, Rave. Ich... muss doch noch.“, sie suchte händeringend nach einem guten Grund. „Der... Der Eintopf steht noch immer auf dem Herd, er wird sicher anbrennen, - wenn das Feuer nicht inzwischen ausgegangen ist. Er ist aber auch noch nicht ganz fertig, - dein Abendessen. Und die Wäsche... Sie wird doch wieder feucht auf der Leine, dabei brauchen wir sie heute Nacht, ...für das Bett.“, wisperte sie atemlos. „Ich habe alles gewaschen und frisch gestopft. Außerdem ... beginnt es schon zu dämmern...“, führte sie einfach weiter aus und rang die Hände.

Bitte Rave...! Sei nicht böse. Ich muss das doch alles

noch erledigen, - meine Pflichten.“, stotterte sie weiter und rang die Hände. „Ich weiß, ich hätte eigentlich längst fertig sein müssen, als du gekommen bist, ich hätte...“

Er unterbrach sie nun auf die einzige im Moment ungefährliche Art die ihm einfiel, trat mit drei schnellen Schritten zu ihr hin und küsste sie. Abbygail stöhnte leise auf, als sein rauer Mund ihre Lippen, mit einer atemberaubenden Leidenschaft verschloss. Ihr damit den

Atem nahm, alle Gedanken und auch alle Worte.

Nur noch sie selbst blieb zurück, zitternd, klein aber gut beschützt von ihrem großen, starken Mann, ihrer neuen, großartigen Welt, in die sie da gelangt war.

Rave ließ schließlich wieder von ihr ab, zog sie nur wortlos und nun wieder mit gewohnt finsterer Miene an der Hand mit sich zum Wagen zurück, sammelte unterwegs seinen verlorenen Hut vom Boden auf und schlug den Staub an seinem Oberschenkel heraus, bevor er in aufsetzte. Dann hob er seine kleine, bebende Frau auf den Kutschbock, ging mit grimmigem Blick um den Wagen herum, stieg ebenfalls auf und trieb die Pferde aufs Neue an.

Zurück nach Hause, so wie Abby es gerne wollte und brauchte.


Milly, die nicht einmal mehr dazu gekommen war sich von ihrer neuen Freundin zu verabschieden, sah der schnell vom Hof rumpelnden Kutsche stirnrunzelnd hinterher, bevor sie höchst gemächlich zu ihrem Mann hinüber ging, der noch immer niedergestreckt im Pferch zwischen den Pferdeäpfeln lag und sich nicht einmal aufzusetzen wagte.

Der Sturm war vorüber.

Milly stellte sich nachdenklich neben ihn, der schwer atmete und leise vor sich hinstöhnte, lehnte sich gegen den geborstenen Zaun und grinste bei seinem Anblick über das ganze Gesicht.

Da soll mich doch der Teufel holen!“, murrte Trey schließlich ziemlich fassungslos, hob kurz den Kopf und starrte verwirrt dem fortrumpelden Wagen nach.

Hey! Ich atme noch, du elender Bastard!“, schimpfte er leise knurrend hinter dem Wagen her, jedoch nicht so laut das Rave es noch gehört haben konnte.

Milly lachte nur spöttisch auf.

Kannst du dich nicht einfach glücklich schätzen, so

glimpflich davongekommen zu sein, Hargrave?“, gluckste sie belustigt. „Vor allem, nachdem Rave nun so dermaßen auf dem Kriegspfad war?“

Ihr Mann, der nun doch endlich die Kraft fand, sich wieder richtig aufzusetzen und seine aufgeplatzte Lippe mit dem Fingerknöchel sachte abwischte, schüttelte nur mit schmerzverzerrter Miene den Kopf. „Normalerweise hört er nicht auf, wenn er so sauer ist, bevor der Andere nicht zumindest bewusstlos ist.“, hustete er heiser und räusperte sich dann unbehaglich.

Hat sie ihn wirklich nur damit zurückgehalten, indem sie seinen Namen rief? Ganz leise und ängstlich?“

Milly nickte nur schon wieder breit grinsend und rieb sich dabei sachte über den dicken Bauch in dem das Baby gerade heftig zu rumoren begann.

Oh ja, das hat sie. Und ich denke die Kleine hat ihn

schon jetzt ziemlich gut im Griff, auch wenn ihm das ganz und gar nicht schmecken dürfte.“

Er sah immer noch ziemlich wütend aus als er sie hinter sich her zur Kutsche zog.“, überlegte Trey seufzend.

Allerdings ist sie sich ihrer Macht über den roten Krieger noch nicht einmal ansatzweise bewusst.“, sinnierte Milly einfach weiter, ohne auf ihn zu achten. „Ihre Augen sind so unschuldig wie die eines Engels, nicht wahr? Ihre Kleidung ist scheußlich, doch so etwas sieht Rave überhaupt nicht. Sie macht ihn fertig, alleine indem sie so hilfsbedürftig und schwach wie ein Baby aussieht, dabei aber anscheinend wirklich etwas leisten kann, sonst hätte er sie bestimmt schon längst rausgeschmissen.“ Dann erst wandte sich sich ihm bitterböse blickend zu „Doch... Hargrave, nachdem ich sie nun selbst kennen gelernt habe, - wie konntest du sie nur dermaßen in Angst und Schrecken versetzen, dass Rave deshalb sofort hier auftauchen muss, um dich um-zubringen?“, wechselte sie so plötzlich und harsch das Thema, das ihr Mann verdutzt zu ihr aufsah.

Sogleich grinste er wieder schmerzlich und rieb sich die arg lädierten Rippen.

Ich wollte eben ganz genau wissen, wie sie ist, Milly- Schatz. Wie du übrigens auch, wenn ich dich an gestern Nacht erinnern darf. Aber das du es in deinem Zustand mit Rave aufnimmst schien mir zu gefährlich, - für euch beide! Deshalb habe ich das Zepter diesmal ausnahms-weise selbst in die Hand genommen, auch wenn dir das vielleicht nicht passt.

Und es hat doch geklappt, oder? Nun weiß ich es genau... Ich musste sie einfach nur ein bisschen provozieren, denn hinter einer unschuldigen Fassade verbirgt sich oft genug ein reißender Wolf. Sie hätte ihre Scheu und Unschuld ebenso gut nur spielen und Rave dabei im großen Stil an der Nase herumführen können.

Wäre sie wie Esther gewesen, an der er sich so böse verbrannt hat, hätte ich mich eher selbst aufgehängt, als auch nur für einen weiteren Tag zuzulassen, dass sie in seiner Nähe bleibt. Ich glaube, das Herumgeschubse heute, war es allemal wert, zu wissen mit was für einer Art von Frau Rave von nun an zusammenlebt.
Sie ist es, glaube ich, wirklich wert dass er sich für sie prügelt, Milly. Sie ist es für
ihn wert, so wie du es für mich bist, dass ich mich für ein paar Informationen, die dich des Nachts wieder ruhiger schlafen lassen, auseinan-dernehmen lasse.“

Er sah sie betont treuherzig an.

Milly verzog allerdings nur abschätzig den Mund. „Das sagst du doch jetzt nur, weil du wieder von mir zusam-mengeflickt und ausgiebig gepflegt werden willst, Hargrave.“, zürnte sie ihm nach außen hin noch ein wenig länger, doch der Schalk in ihren Augen sprach ebenfalls für sich. Sie konnte ihm nie lange böse sein. Der Halunke hatte ihr Herz in bester clownmanier ge-raubt und hielt es seitdem fest in seiner - zugegebener-maßen - starken Hand.

Trey grinste nun auch wirklich schon wieder wie ein kleiner, frecher Junge, der den Kuchen vom Fensterbrett stibitzt hatte und strahlte sie von unten herauf an. „Nicht doch Milly.“, brummte er heiser. Der Schalk schlug um in Begehren. „Ich brauche im Grunde keine Pflege. Dafür hat Rave noch viel zuviel von mir übrig gelassen.

Eigentlich so viel sogar, dass ich mir wünsche heute Nacht eine warme, zärtliche Frau an meiner Seite zu haben, die meine zahlreichen Wunden mit noch zahlrei-cheren Küssen bedeckt und sich für mein Opfer erkennt-

lich zeigt, das ich für uns alle gebracht habe...“

Milly seufzte leise auf und strich erneut belustigt läch-elnd über ihren dicken Bauch. „Trey Hargrave! Du ver-gisst dich anscheinend. Ich bin noch immer böse auf dich, hast du das etwa vergessen? Das arme junge Mädchen so zu erschrecken, dass sie sogar weinen musste. Ihre Augen waren rot und verschwollen in einem kalkweißen Gesicht... - Nein halt! Bleib wo du bist... komm mir ja nicht zu nahe.“, rief sie befehlend. Doch Trey stand bereits wölfisch grinsend auf und leckte sich über die immer noch blutende Lippe. Während er seine immer noch gaffende Cowbeumeute mit nur einem Blick an die Arbeit schickte, die Pferde wieder einzusammeln. Dann erst wandte er sich seiner entzückenden Frau zu.

Verdammt Milly, ich werde mich nächste Woche bei ihr

entschuldigen. Ich werde sie für den Schrecken entschä-digen, verlass dich darauf. Ich kann es mir leisten ab und an ein Schwein zu sein.
Außerdem können wir es uns beide ganz sicher
nicht
leisten eine Frau, die uns eventuell bei unseren kleinen Problemen helfen könnte, zu verschrecken, oder was meinst du, Darling?“, stand er auf, humpelte zu ihr hin und legte ihr zärtlich eine Hand auf den Bauch.

Millys Gesicht nahm nun einen wehmütigen Ausdruck an, zudem schlich sich leise Sorge in ihren Blick ein. „Ich weiß nicht recht, Trey, sie ist doch noch so jung. Ich hoffte eigentlich auf jemand älteren... erfahreneren...!“, murmelte sie unsicher.

Wir nehmen genau das, was Gott uns schickt, Liebste, das waren deine Worte! Und diesmal schickt er uns, ...oder vor allem Rave..., ein junges unscheinbares Ding, mit Feuer im Herzen und einem guten, gesunden Selbst-erhaltungstrieb.

Sie wird gut für ihn sein, glaub es mir.

Sein Einsiedlerdasein ist jedenfalls entgültig zu Ende.

Das Haus, ...ihr Haus nun... ist jetzt schon blitzsauber, Milly. Das hast du nicht gesehen! Ich konnte vorhin einen schnellen Blick hinein erhaschen. Frisch gewaschene Bettwäsche hing draußen auf einer Leine und es stank auch gar nicht mehr, obwohl ich mitten in der Windrichtung stand.“

Milly lachte ungläubig auf und schüttelte heftig den Kopf.

Hallelujah! - Willst du mich verarschen? Nie im Leben

hat sie in nur zwei Tagen dieses Loch der Satans komplett gesäubert, Trey. Dazu bräuchte man schon die Kavallerie oder eine einzelne gut mit Pech bestrichene Fackel um das ganze Teil fein säuberlich einzuäschern und dann einfach neu zu errichten.“

Auf mein Wort, Milly, es glänzt! Die Wände und der Boden sind fast schon weiß gescheuert. Es sieht tatsächlich so aus als wäre es gerade erst neu errichtet worden, das Fenster ist ebenfalls wieder durchsichtig und klar, ohne den kleinsten Fleck. Kein Staub liegt auf den Regalen. Nur Ordnung, Sauberkeit und herrliche Gerüche nach Bohnen, Kartoffeln, knusprig gebratenem Speck und frisch gebackenem Brot...

Milly sah Trey sichtlich grimmig an. „Wo du es schon sagst. Ich denke Junior könnte auch gerade ein kleines Häppchen vertragen, Daddy. Komm endlich ins Haus, hinein. Wir füttern uns gegenseitig und dann erzählst du mir ausführlich, ob ihr Essen besser riecht als meines!“

Trey Hargrave grinste insgeheim in sich hinein.

Er war bestimmt nicht der allerschlauste Mann der Welt, doch auch ganz gewiss nicht dumm.

Würde er seiner heißblütigen, geliebten Milly die Wahrheit gestanden haben, nämlich, dass ihm bei den Düften aus Raves Haus schier das Wasser im Munde zusammengelaufen war und er fast schon gehechelt und gesabbert hatte, wie ein verhungernder Köter, vor einem Stück feinsten Fleisches, wäre Raves Rache wohl nur ein schwacher Witz gewesen, gegen das, was seine temperamentvolle Milly hernach mit ihm anstellen würde.


19.4.18 21:28, kommentieren